Die Zukunft einer neuen Arbeitswelt gestalten
Da sich das Unternehmensumfeld immer schneller verändert, rückt Interim Management zunehmend in den Fokus von Unternehmen. Immer mehr Organisationen setzen auf erfahrene externe Führungskräfte, die für einen klar definierten Zeitraum Schlüsselpositionen übernehmen, um Transformationen voranzutreiben und kritische unternehmerische Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen.
In Japan befindet sich dieses Modell zwar noch in einer frühen Phase der Marktdurchdringung, doch das Interesse wächst kontinuierlich. Um den aktuellen Stand sowie das zukünftige Potenzial von Interim Management im japanischen Markt zu beleuchten, trafen sich vier Vorstandsmitglieder der Interim Management Association of Japan (IMAJ) zu diesem Interview. Sie sprechen über die Beweggründe für die Gründung der Vereinigung und darüber, welche Rolle sie beim Aufbau eines neuen Führungsökosystems in Japan spielen möchte.
Vorstandsmitglieder der IMAJ
- Representative Director – Kuniko Kitsuda
- Director – Atsuko Minatoya
- Director – Mari Tanaka
- Director – Hajime Baba
Was hat dich persönlich dazu bewegt, Mitglied des IMAJ-Vorstands zu werden?
Hajime Baba: Ich leite ein Unternehmen, das Interim Manager:innen an Unternehmen vermittelt. Im Zuge dieser Tätigkeit hörte ich immer häufiger von Menschen den Wunsch: „Ich würde gerne als Interim Manager:in arbeiten.“
Unser Unternehmen richtet sich zwar in erster Linie an Firmenkund:innen, doch ich begann darüber nachzudenken, wie wir auch den Menschen selbst – den Interim Manager:innen – einen Mehrwert bieten könnten. Diese Überlegung war letztlich der Ausgangspunkt für die Gründung der IMAJ.
Mari Tanaka: Nach Stationen im Vertrieb und Kundenservice arbeitete ich in einem HR-Unternehmen und unterstützte dort Projekte in den Bereichen Personalentwicklung und Human Resources. Dabei wurde mir bewusst, dass erfahrene Fach- und Führungskräfte mehr flexible Möglichkeiten benötigen, ihre Karriere zu gestalten.
Ich bin überzeugt, dass Interim Management eine dieser wichtigen Optionen werden kann – und ich wollte meinen Beitrag dazu leisten.
Kuniko Kitsuda: Das Besondere am Interim Management ist, dass sowohl die Ziele als auch der Zeitraum eines Mandats klar definiert sind. Dadurch lässt sich sehr konkret erkennen, welchen Beitrag man innerhalb dieser Zeit leisten kann.
Je stärker sich dieses Modell etabliert, desto häufiger frage ich mich: Warum sollte – je nach Unternehmensphase oder Zielsetzung – nicht grundsätzlich jede Führungskraft zeitweise als Interim Manager:in tätig sein können? Genau diese Arbeitsweise möchte ich gemeinsam mit meinen Vorstandskollegen im Rahmen der IMAJ weiterentwickeln und vorantreiben.
Atsuko Minatoya: Durch meine Erfahrungen im Marketing und in der Führung von Teams entwickelte ich ein immer stärkeres Interesse an Menschen und Organisationen. Dabei habe ich häufig erlebt, wie Unternehmen nahezu handlungsunfähig wurden, wenn eine Führungskraft unerwartet ausschied.
Ich bin überzeugt, dass Interim Management genau in solchen Übergangsphasen eine entscheidende Rolle spielen kann, um Stabilität zu schaffen und den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Deshalb habe ich die Einladung, Vorstandsmitglied zu werden, sehr gerne angenommen.
Viele Menschen in Japan kennen Interim Management noch kaum.
Atsuko Minatoya: Ich glaube, der Bedarf ist längst vorhanden – allerdings fehlt vielerorts noch das Bewusstsein dafür.
Ich kenne Unternehmen, in denen der Weggang einer Abteilungsleitung beinahe zum Stillstand der gesamten Organisation geführt hat. Solche Situationen sind vermutlich deutlich häufiger, als viele denken. Dennoch hat sich die Idee, für eine begrenzte Zeit externe Spezialisten einzusetzen, noch nicht flächendeckend etabliert.
Kuniko Kitsuda: Der Begriff „Interim“ mag noch neu sein, das zugrunde liegende Prinzip existiert jedoch schon lange.
Ich erinnere mich beispielsweise an Vertretungslehrer während meiner Grundschulzeit – etwa wenn eine Lehrkraft in Karenz war. Schon damals empfand ich dieses System als großartig: Eine Lehrperson kam für einen begrenzten Zeitraum, konnte sofort hochwertigen Unterricht leisten und brachte gleichzeitig frischen Wind in die Klasse.
Genau so empfinde ich Interim Management. Es geht nicht lediglich darum, kurzfristig eine Lücke zu schließen. Es geht darum, dass erfahrene Experten genau dann Verantwortung übernehmen, wenn sie gebraucht werden. Durch den zeitlich begrenzten Einsatz bringen sie neue Perspektiven, Dynamik und Impulse in eine Organisation – genau diesen positiven Mehrwert möchten wir fördern.
In japanischen Unternehmen werden Führungspositionen häufig intern nachbesetzt.
Hajime Baba: Das stimmt. Früher funktionierte häufig das Prinzip: „Diese Person ist bereits Abteilungsleiter, also wird sie auch eine andere Abteilung führen können.“
Ich denke jedoch, dass wir künftig in eine Zeit eintreten, in der fachliche Spezialisierung – sei es in HR, Marketing oder anderen Bereichen – deutlich wichtiger wird.
Mari Tanaka: Das klassische Modell interner Versetzungen stößt zunehmend an seine Grenzen. Standortwechsel lassen sich heute wesentlich schwieriger umsetzen als früher. Gleichzeitig erleben wir immer häufiger, dass Mitarbeitende mehrere Funktionen gleichzeitig übernehmen müssen, weil keine geeignete Nachfolge gefunden wird.
Wenn externe Führungskräfte mit hoher Managementkompetenz und fundierter Fachkenntnis Unternehmen nicht nur als Vertretung, sondern auch beratend oder unterstützend begleiten könnten, wäre das ein großer Mehrwert für viele Organisationen.
Wer kann Mitglied der IMAJ werden?
Atsuko Minatoya: Unsere Mitglieder sind sowohl Menschen, die sich für Interim Management interessieren, als auch erfahrene Führungskräfte, die diesen Karriereweg professionell einschlagen möchten.
Über unsere Partnerunternehmen erhalten sie Zugang zu passenden Mandaten. Darüber hinaus unterstützen unsere Netzwerkpartner beim Aufbau der notwendigen organisatorischen und rechtlichen Grundlagen für eine selbstständige Tätigkeit. Genau dieses Ökosystem möchten wir als Verband schaffen.
Mindestens genauso wichtig wie diese Angebote ist jedoch der Aufbau einer starken Community.
Kuniko Kitsuda: Ehrlich gesagt kennen auch wir noch nicht alle Antworten darauf, wie Interim Management in Japan künftig optimal eingesetzt werden sollte.
Deshalb möchten wir keine starren Leitfäden entwickeln, sondern einen Ort schaffen, an dem Menschen ihre Erfahrungen teilen können – nach dem Motto: „Das habe ich ausprobiert, und es hat funktioniert.“ So können alle voneinander lernen.
Mari Tanaka: Genau. Wir möchten eine Gemeinschaft schaffen, in der offen über Herausforderungen und erfolgreiche Lösungsansätze gesprochen wird.
Langfristig wäre es spannend, wenn nicht nur Interim Manager:innen selbst, sondern auch Unternehmen Teil dieses Austauschs würden und gemeinsam voneinander lernen könnten.
Hajime Baba: Als externe Führungskraft in ein Unternehmen einzusteigen und unmittelbar Managementverantwortung zu übernehmen, bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich.
Jedes Mandat bedeutet einen Neustart – neue Unternehmenskultur, neue Beziehungen und neue Rahmenbedingungen. Oft gibt es niemanden, mit dem man sich in einer vergleichbaren Situation austauschen kann.
Gleichzeitig wird erwartet, dass man schnell Ergebnisse liefert und dabei bewusst die Außenperspektive einbringt – auch indem man bestehende Selbstverständlichkeiten hinterfragt.
Gerade deshalb halte ich einen Ort des Austauschs und gegenseitigen Lernens für so wichtig.
Was möchten Sie mit der IMAJ langfristig erreichen?
Atsuko Minatoya: Ich bin von Natur aus sehr neugierig. Wenn die Aktivitäten unseres Verbands einen echten gesellschaftlichen Beitrag leisten können, möchte ich diesen Weg gemeinsam mit vielen unterschiedlichen Menschen gestalten.
Kuniko Kitsuda: Ich wünsche mir, dass unsere Mitglieder mutig neue Ideen einbringen und sagen: „Warum probieren wir es nicht einmal auf diese Weise?“
Vor Kurzem las ich den Satz: „Wenn mehrere Menschen gemeinsam einen Verband führen, entstehen zwangsläufig Konflikte.“ Das hat in mir den Ehrgeiz geweckt, genau das Gegenteil zu beweisen. (lacht)
Schon jetzt merke ich, dass unsere unterschiedlichen Perspektiven zu besseren Ideen und besseren Ergebnissen führen. Ich möchte zeigen, dass erfahrene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam etwas Außergewöhnliches schaffen können.
Mari Tanaka: Ich hoffe, dass künftig mehr Menschen erkennen, dass eine erfolgreiche Karriere nicht zwangsläufig bedeutet, bis zur Pensionierung im selben Unternehmen zu bleiben.
Das Leben verändert sich – sei es durch Familie oder andere persönliche Umstände. Dennoch sollte jeder das Gefühl haben können: „Meine Erfahrung und meine Fähigkeiten werden weiterhin gebraucht.“
Hajime Baba: In zehn Jahren wünsche ich mir, dass viele Menschen sagen: „Es ist gut, dass sich diese Form der Arbeit etabliert hat.“
Ich hoffe, dass unsere Vereinigung einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, die Grundlagen für genau diese Zukunft zu schaffen.
