Die produzierende Industrie bleibt eine tragende Säule der europäischen Wirtschaft. Sie erwirtschaftet rund 14 bis 15 % des Bruttoinlandsprodukts und sichert mehr als 30 Millionen Arbeitsplätze. Gleichzeitig steht sie an einem entscheidenden Wendepunkt: Geopolitische Fragmentierung, Risiken in den Lieferketten, hohe Energiekosten, der zunehmende Fachkräftemangel und der wachsende globale Wettbewerbsdruck erfordern in den kommenden Jahrzehnten eine tiefgreifende Anpassung.
Eine Branche am Wendepunkt
Die europäische Industrie war lange durch ihre Vielfalt und Spezialisierung geprägt: deutscher Maschinenbau und Chemie, italienische Handwerks- und Industriecluster, französische Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigungsindustrie, britische Life Sciences, schwedische Innovationen in den Bereichen Werkstoffe und Cleantech. Doch die Kräfte, die heute gleichzeitig auf all diese Bereiche einwirken – wie es Markus Nakanishi, Partner bei Valtus in Deutschland, beschreibt: „steigende Energie- und Betriebskosten, zunehmender regulatorischer Druck, ein demografisch bedingter Fachkräftemangel und eine geopolitisch fragmentierte Welt – und all das trifft auf die Notwendigkeit, Digitalisierung und Dekarbonisierung voranzutreiben“ – stellen dieses Modell vor Herausforderungen, die sich grundlegend von früheren Konjunkturzyklen unterscheiden.
Die Studie „The Future of European Manufacturing“ von Deloitte macht das Spannungsfeld deutlich: Europäische Hersteller sind in vielen Bereichen nach wie vor weltweit führend bei Qualität und Technologie. Gleichzeitig steigt das Risiko, diese Position zu verlieren. Zunehmende Regulierung, Energiekosten über dem Niveau globaler Wettbewerber und ein chronischer Fachkräftemangel schwächen die Kostenwettbewerbsfähigkeit – und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem Investitionen in neue Kompetenzen und Technologien besonders dringend erforderlich sind.
Auch die jüngsten Daten spiegeln diesen Druck wider: Nach der jüngsten Eurostat-Schätzung lag die Industrieproduktion im Euroraum 1,2 % unter dem Niveau vom Januar 2025. Sowohl die Produktion von Investitionsgütern als auch von Konsumgütern war rückläufig. Deutschland, Europas größte Industrienation, verzeichnet einen anhaltenden industriellen Abschwung: Die Industrieproduktion ist über mehrere Jahre hinweg zurückgegangen, und auch die Daten für Anfang 2026 zeigen erneut eine Abschwächung – insbesondere in der Automobilindustrie, im Maschinenbau und in weiteren industriellen Fertigungsbereichen.
Dies ist kein gewöhnlicher Abschwung:
„Die deutsche Industrie hat einen kritischen Punkt erreicht: Die Herausforderung besteht nicht mehr in der Optimierung, sondern in einer grundlegenden Neupositionierung unter begrenzten Ressourcen und hoher Unsicherheit. Viele Geschäftsmodelle, die über Jahrzehnte erfolgreich waren, verlieren schrittweise an Wettbewerbsfähigkeit – nicht abrupt, sondern kontinuierlich.“
— Markus Nakanishi, Partner bei Valtus in Deutschland
Für Unternehmen, die erfolgreich durch das kommende Jahrzehnt navigieren wollen, sieht er drei zentrale Prioritäten: strategische Fokussierung statt einer möglichst breiten Aufstellung, ein neues Verständnis industrieller Exzellenz durch Automatisierung und Künstliche Intelligenz statt reiner Kostensenkung sowie – entscheidend – die Sicherstellung der richtigen Führung zum richtigen Zeitpunkt.
Italien weist eine andere Dynamik auf. Sein Netzwerk spezialisierter Industriecluster – von Präzisionsmechanik über Luxusgüter und Lebensmittelverarbeitung bis hin zu Verpackung – ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Italienische Exporte erweisen sich insbesondere im Premiumsegment als bemerkenswert robust. Gleichzeitig sind auch hier die strukturellen Herausforderungen deutlich spürbar.
Für Roberto La Caria, Managing Partner bei Valtus in Italien, macht das Zusammenspiel dieser Herausforderungen Führung zur entscheidenden Größe: „Angesichts der im europäischen Vergleich eher geringen durchschnittlichen Unternehmensgröße italienischer Unternehmen kommt der Führung eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung von Lösungen zu. Dazu gehören auch die Prüfung von Zusammenschlüssen und M&A-Transaktionen, um eine ausreichende Größe und Marktstärke zu erreichen. Visionäre Führung ist entscheidend, um operative Effizienz, strikte finanzielle Steuerung und Profitabilität voranzutreiben, erfolgreiche Generationenwechsel zu gestalten, neue Talente zu gewinnen und Geschäftsmodelle kontinuierlich weiterzuentwickeln.“
Gerade für inhabergeführte mittelständische Unternehmen in Italien ist die Nachfolgefrage daher längst keine Herausforderung der Zukunft mehr, sondern bereits heute ein konkreter Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit.
„Über ihre bekannte handwerkliche Exzellenz hinaus müssen italienische Hersteller strategisch mit Schwachstellen in ihren Lieferketten umgehen, den Ruf ihrer renommierten Marken schützen und ihre Exportmärkte konsequent ausbauen – nicht zuletzt aufgrund des kleinen heimischen Marktes.“
— Roberto La Caria, Managing Partner bei Valtus in Italien
Die Notwendigkeit der Reindustrialisierung
Vor diesem Hintergrund ist die Reindustrialisierung – also die strategische Umkehr jahrzehntelanger Verlagerung von Produktionskapazitäten ins Ausland – zu einem der zentralen unternehmerischen Themen der Mitte der 2020er-Jahre geworden. Laut dem Capgemini Research Institute haben 55 % der europäischen Unternehmen im Jahr 2025 entweder in Nearshoring oder in eine Kombination aus Nearshoring und Reshoring ihrer Produktion investiert. Ziel ist es, geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren, Lieferketten resilienter zu gestalten, auf Zölle zu reagieren und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Es ist davon auszugehen, dass diese Investitionen in die Reindustrialisierung weiter deutlich zunehmen werden.
Frankreich hat die Reindustrialisierung zu einem zentralen Bestandteil seiner nationalen Wirtschaftsstrategie gemacht. Erste Ergebnisse zeichnen sich bereits ab: Im Januar 2026 stieg die Industrieproduktion im Jahresvergleich um 2,3 % – eine der stärkeren Entwicklungen im Euroraum. Die strategischen Ambitionen in nachhaltige industrielle Kapazitäten zu überführen, bleibt jedoch eine erhebliche Umsetzungsaufgabe. Entscheidend sind dabei die richtigen Kompetenzen, belastbare Lieferketten und geeignete Managementstrukturen.
Claudie Hamerstehl, Senior Partner bei Valtus France, sieht drei Branchen als wesentliche Treiber dieser Reindustrialisierung: „Batterien und Elektromobilität, um die Transformation hin zu Elektrofahrzeugen zu unterstützen und die Abhängigkeit von Asien zu reduzieren, sowie die Luft- und Raumfahrt – insbesondere mit Blick auf CO₂-arme Flugzeuge, Microlauncher und Satellitenkonstellationen. Auch die Verteidigungsindustrie ist von zentraler Bedeutung, da sie als Sektor die gesamte industrielle Wertschöpfungskette vorantreiben kann.“
„Die Einführung von KI stellt eine komplexe Herausforderung dar, die entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette adressiert werden muss. Gleichzeitig gilt es, insbesondere im Verteidigungssektor, die technologische und industrielle Souveränität zu sichern.“
— Claudie Hamerstehl, Senior Partner bei Valtus France
Auch das Vereinigte Königreich, das seit 2021 nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes ist, verfolgt seinen eigenen Weg der Reindustrialisierung. Der staatliche Advanced Manufacturing Plan fokussiert auf besonders wertschöpfungsstarke Branchen wie Automobilindustrie, Batterien, Luft- und Raumfahrt, Raumfahrt, fortschrittliche Werkstoffe und Agri-Tech, in denen Großbritannien weiterhin über eine starke industrielle Basis verfügt. Die Herausforderung besteht darin, diese strategischen Ziele auch unter Kostendruck in Investitionen in größerem Maßstab zu überführen – und gleichzeitig eng in europäische Lieferketten integriert zu bleiben, die ursprünglich nicht auf zusätzliche Grenzen ausgelegt waren.
Steve Rutherford, Partner bei Valtus UK, zeichnet ein differenzierteres Bild als es die Schlagzeilen vermuten lassen: „Die britische Industrie ist besser aufgestellt, als es die politische Zurückhaltung der Regierung, die globale politische Unsicherheit, steigende Energie- und Materialkosten und der Brexit vermuten lassen. Unser Fokus auf hochwertige Produkte sowie auf Produkte für den heimischen Markt – insbesondere Lebensmittel – führt insgesamt zu einem positiven Ausblick für britische Hersteller.“
Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die Situation für ausländische Unternehmen weniger eindeutig ist. Dies gilt insbesondere für westeuropäische Unternehmen mit Produktionsstandorten im Vereinigten Königreich, die dort beispielsweise Verpackungen oder Baustoffe mit geringerem Wertschöpfungsanteil für den heimischen Markt herstellen. Für sie sind die operativen Einschränkungen infolge des Brexits zu einer konkreten und alltäglichen Herausforderung geworden.
Europas industriepolitische Antwort
Die Europäische Kommission veröffentlichte am 4. März 2026 den Industrial Accelerator Act (IAA) – eines der bedeutendsten europäischen industriepolitischen Gesetzesvorhaben seit einer Generation. Die Regelung schafft einen Rahmen, um industrielle Kapazitäten und die Dekarbonisierung in strategisch wichtigen Sektoren zu beschleunigen. Im Fokus stehen unter anderem vereinfachte Genehmigungsverfahren, die Mobilisierung von Investitionen sowie die Sicherung von Lieferketten für Technologien, die für die grüne und digitale Transformation von entscheidender Bedeutung sind.
Der IAA knüpft an die umfassendere europäische Industriestrategie an und baut unter anderem auf früheren Analysen wie Mario Draghis Bericht zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit aus dem Jahr 2024 auf. Gleichzeitig steht er im Einklang mit dem Clean Industrial Deal der Europäischen Kommission von 2025, der darauf abzielt, die europäische Industrie zu modernisieren, Innovationen zu fördern und Europas technologische Souveränität zu stärken.
Technologie, Talente und die grüne Transformation
Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge und fortschrittliche Robotik verändern grundlegend, was moderne Produktionsstätten leisten können. Laut Deloitte betrachten 67 % der europäischen Industrieentscheider KI als einen entscheidenden Hebel für die künftige Wettbewerbsfähigkeit. Erwartet werden Effizienzgewinne unter anderem bei der Qualitätskontrolle, der vorausschauenden Instandhaltung und der Optimierung von Lieferketten.
Auch die Daten von Capgemini unterstreichen diese Entwicklung: Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen hat durch den Einsatz digitaler Technologien im Rahmen ihrer Reindustrialisierungsmaßnahmen bereits Kosteneinsparungen von mehr als 20 % erzielt.
Das Produktivitätspotenzial wird jedoch durch eine anhaltende Talent- und Fachkräftekrise begrenzt. In der Deloitte-Studie nennen 62 % der Hersteller die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitenden als ihre größte operative Herausforderung. Der Mangel an Kompetenzen im Bereich Industrie 4.0 dürfte bis weit in das Jahr 2030 bestehen bleiben.
Um die Produktivitätslücke gegenüber den USA und China zu schließen, wird es daher nicht ausreichen, lediglich in neue Technologien zu investieren. Erforderlich ist vielmehr eine grundlegende Neuausrichtung der Art und Weise, wie Industrieunternehmen technische Fachkräfte gewinnen, entwickeln und langfristig binden.
Schweden ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Ambition, aber auch für die Komplexität dieser Transformation. Schwedische Hersteller – insbesondere in den Bereichen Stahl, Forstwirtschaft und Holzprodukte, Präzisionsmaschinenbau und Transporttechnik – gehören zu den Vorreitern des grünen industriellen Wandels. Im Januar 2026 wuchs die schwedische Industrieproduktion im Jahresvergleich um 3,1 % und verzeichnete damit eine der stärkeren Entwicklungen Europas.
Wie Clara Scherman, Partnerin bei Nordic Interim Sweden, beobachtet, beruht dieser Erfolg „zu einem großen Teil auf einer soliden politischen Unterstützung und einem starken Engagement sowohl des öffentlichen als auch des privaten Sektors. In der Praxis setzen Hersteller zunehmend auf innovative Technologien und nachhaltige Verfahren und profitieren dabei von staatlichen Förderungen und qualifizierten Arbeitskräften, für die Nachhaltigkeit einen hohen Stellenwert hat.“ Gleichzeitig betont sie, dass „weiterhin Herausforderungen bestehen – insbesondere bei der Skalierung dieser Initiativen und bei der Sicherstellung nachhaltiger Lieferketten.“
„Der Erfolg der grünen Transformation wird von der kontinuierlichen Zusammenarbeit zwischen Industrie, Politik und Forschung abhängen, um diese Hindernisse zu überwinden und nachhaltige Veränderungen voranzutreiben. Interim Management spielt dabei eine wichtige Rolle, indem es die notwendige Expertise und Führung bereitstellt, um komplexe Herausforderungen zu bewältigen und strategische Veränderungen wirksam umzusetzen.“
— Clara Scherman, Partnerin bei Nordic Interim Sweden
Das nächste Kapitel
Die nächsten 25 Jahre der europäischen Industrie werden nicht allein durch Größe bestimmt, sondern durch die Präzision und Agilität, mit der Europas Industrieunternehmen eine Ära des gleichzeitigen technologischen, ökologischen und geopolitischen Wandels gestalten. Politische Rahmenbedingungen wie der Industrial Accelerator Act schaffen dafür die Grundlage. Kapital für die Reindustrialisierung liefert den notwendigen Treibstoff. Doch beides führt nicht automatisch zu mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Entscheidend ist die Umsetzung. Wie Roman Benedetto, Operations-Experte der Valtus Management Factory, betont, werden jene Industrieunternehmen – und Führungskräfte dahinter – das nächste Kapitel der europäischen Industriegeschichte schreiben, die Strategien schnell und auch unter hohem Druck in operative Realität übersetzen können.
Quellen:
- Eurostat, Industrial production down by 1.5% in the euro area and by 1.6% in the EU, 13 März 2026
- European Commission, Mapping the impact of industrial decline on European regions, 2025
- Deloitte, The Future of European Manufacturing: Ready for 2030?, 2025
- Capgemini Research Institute, The Resurgence of Manufacturing: Reindustrialisation Strategies in Europe and the US, 2025
- Destatis (German Federal Statistics Office), 2026
