Restrukturierung in Brasilien

Gläubigerinteressen im Gleichgewicht mit der sozialen Funktion eines Unternehmens

Bei Valtus Alliance setzen wir auf lokale Restrukturierungsexpertise. Marcia Cubas, Associate Partnerin bei Axen Interim Executives in Brasilien, berichtet über ihre Beteiligung an einem Restrukturierungsprojekt für ein großes Bergbauunternehmen mit Aktivitäten in den drei brasilianischen Regionen Sudeste, Centro-Oeste und Nordeste. Das Interview führte Nicolas Touchet, Gründer und CEO von Axen Interim Executives.

Was zeichnet den rechtlichen Rahmen für Insolvenz und Restrukturierung in Brasilien aus?

Der brasilianische Rechtsrahmen für Insolvenz und gerichtliche Restrukturierung kann weist fünf wesentliche Besonderheiten auf:

  1. Sein vorrangiges Ziel besteht darin, finanziell angeschlagenen Unternehmen die Überwindung ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Krise zu ermöglichen, um damit die Produktionstätigkeit, die Arbeitsplätze, die Interessen der Gläubiger:innen und die gesellschaftliche Funktion des Unternehmens zu sichern.
  2. Die sogenannte Stillhaltefrist bietet einen umfassenden Schutz, in der Vollstreckungsmaßnahmen für 180 Tage ausgesetzt werden. Diese Frist kann um weitere 180 Tage verlängert werden, ausgenommen bestimmte Steuer- und arbeitsrechtliche Forderungen.
  3. Der Restrukturierungsplan wird mit den Gläubiger:innen verhandelt. Diese können einen alternativen Plan vorschlagen oder ihre Forderungen sogar in eine Beteiligung am Eigenkapital des Unternehmens umwandeln.
  4. Das Unternehmen bleibt in der Hand der bisherigen Geschäftsführung – allerdings unter der Aufsicht eines gerichtlich bestellten Insolvenzverwalters. Dies ist vergleichbar mit einem Chapter-11-Verfahren in den USA, jedoch mit Anpassungen an das brasilianische Rechtssystem.
  5. Das brasilianische Modell ist marktorientiert und schafft einen Rahmen für Verhandlungen unter gerichtlichem Schutz. Gleichzeitig kommen moderne Restrukturierungsinstrumente wie die DIP-Finanzierung (Debtor-in-Possession Financing) zum Einsatz.

Was ist deine Erfahrung nach der häufigste Fehler, den Unternehmen in der frühen Phase einer Liquiditätskrise machen?

Der häufigste und oftmals folgenschwerste Fehler besteht darin, nicht die gesamte Organisation in den Restrukturierungsprozess miteinzubeziehen.

  • Die Kommunikation ist häufig vage, verspätet oder unklar. Das schafft Unsicherheit und wirkt sich negativ auf die Produktivität aus.
  • Von Beginn an sollte Transparenz geschaffen werden, indem die Gründe, Ziele und der Zeitplan der Restrukturierung klar erläutert werden. Gleichzeitig sollte ein geschützter Rahmen für Fragen und Anliegen geschaffen werden.
  • Ein weiterer häufiger Fehler ist das Fehlen objektiver Kriterien für die Beurteilung von Mitarbeitenden beim Abbau von Arbeitsplätzen. Kompetenzen werden entweder nicht systematisch erfasst oder es wird anhand subjektiver Maßstäbe geurteilt.
  • Gerade in einer so komplexen Phase ist es entscheidend, die richtigen Personen im Unternehmen zu haben. Diese müssen anhand klarer und relevanter Kriterien ausgewählt werden
  • Führungskräfte müssen vorbereitet und entsprechend geschult werden, wenn sie schwierige Gespräche führen müssen und wie sie mit der Instabilität und Unsicherheit umzugehen können, die eine Krise mit sich bringt.
  • Schließlich stellt auch die Verleugnung der Situation häufig ein großes Hindernis dar – insbesondere dann, wenn das Management versucht, die Krise mit denselben Ressourcen und Methoden zu bewältigen, die zu ihrer Entstehung beigetragen haben.

Ab welchem Zeitpunkt und in welcher Funktion sollte externe Expertise hinzugezogen werden?

Ein Restrukturierungsexperte bzw. eine Restruktuierungsexpertin sollte in dem Krisenstadium hinzugezogen werden, in dem die Umsätze zurückgehen, das Unternehmenswachstum stagniert, operative Engpässe entstehen und das Insolvenzrisiko absehbar wird. Es ist entscheidend, bereits dann unnötige Verzögerung zu vermeiden und rasch zu handeln.

Ein:e Interim Restructuring Manager:in in der Funktion eines Chief Restructuring Officer (CRO) bringt eine objektive Perspektive und bewährte Methoden ein, um die Ursachen der Krise zu identifizieren. Unbelastet von vergangenen oder emotionalen Vorprägungen arbeitet der CRO im Rahmen eines zeitlich begrenzten Mandats mit klar definierten Verantwortlichkeiten und Befugnissen. Dadurch kann er oder sie das Unternehmen objektiv und unabhängig führen, während sich das bestehende Management weiterhin auf die operative Führung des Unternehmens konzentrieren kann.

Wie beurteilst du den Einsatz gerichtlicher Schutzmechanismen als Teil einer Restrukturierungsstrategie?

In Brasilien stehen solche Schutzmechanismen zur Verfügung, und sie können sehr effektiv sein. Sie funktionieren gewissermaßen wie ein lebenserhaltendes System: Sie verschaffen dem Unternehmen den notwendigen Handlungsspielraum und schützen seine Vermögenswerte, solange das Geschäftsmodell operativ noch tragfähig ist.

Der Restrukturierungsplan kann dann in Ruhe erarbeitet werden, er muss ja auch von höchster Qualität sein, da er den zentralen Mechanismus für den Schutz und die Sanierung des Unternehmens darstellt. Sein Erfolg hängt maßgeblich vom Leadership ab, das ein erfahrenes Managementteam und hochqualifizierte Rechtsberater:innen an den Tag legen müssen.

Kannst du uns etwas über deine Beteiligung an einem Restrukturierungsprojekt für ein großes Bergbauunternehmen erzählen? Welche Position hattest du und um welche Art von Unternehmen handelte es sich?

Ich war an diesem Projekt bei Paranapanema als Corporate Management Executive beteiligt. Das Unternehmen verarbeitet Kupfermineralien zu Metall und ist entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette von Kupfer tätig. Paranapanema konzentriert sich auf die Verhüttung und Veredelung von Primärkupfer sowie auf die Herstellung von Halbfertigprodukten aus Kupfer und Kupferlegierungen.

Kannst du dein lokales Restrukturierungsnetzwerk in Brasilien beschreiben? Mit wem arbeitest du regelmäßig zusammen?

Bei Axen Interim Management, einem Mitglied der Valtus Alliance, arbeiten wir mit einem Netzwerk aus erfahrenen Executive Executives zusammen, die auf die Bereiche Operations, Finance und Human Resources spezialisiert sind und über unterschiedliche CRO-Profile verfügen.

Diese sehr erfahrenen Führungskräfte bringen umfassende operative Expertise mit. Dadurch sind sie in der Lage, den Cashflow innerhalb kürzester Zeit zu stabilisieren und komplexe Verhandlungen zu führen. Sie arbeiten dabei regelmäßig mit führenden Kanzleien zusammen, die auf Gesellschafts- und Insolvenzrecht spezialisiert sind. So wird sichergestellt, dass operative und rechtliche Strategien effektiv aufeinander abgestimmt und umgesetzt werden.