Das Thema Executive Interim Management gewinnt weltweit an Bedeutung. Während der Interim Markt in Europa bereits gut etabliert ist, steckt das Thema Interim-Führung in Kanada noch in den Kinderschuhen – mit starkem Wachstum. An der Spitze dieser Entwicklung steht Benoît Créneau, CEO von xNorth™ – Executive Interim Management und kanadischer Partner der Valtus Alliance.
In diesem Interview, geführt von Annika Porsch, teilt Benoît seine Einschätzungen zur aktuellen Lage des kanadischen Interim-Marktes – einschließlich Wachstumsdynamiken, branchenspezifischer Nachfrage und der strategischen Rolle von Interim Executives in Zeiten des Wandels, der Krise und Transformation. Er beleuchtet zudem kulturelle und strukturelle Besonderheiten, die den Umgang kanadischer Unternehmen mit temporärer Führung prägen.
Wie würdest du den aktuellen Stand des Interim Management Marktes in Kanada beschreiben? Ist die Nachfrage in den letzten Jahren gewachsen – und wenn ja, in welchem Ausmaß?
Der kanadische Markt für Executive Interim Management befindet sich eindeutig in einer Wachstumsphase. Im Gegensatz zu Europa, wo das Modell bereits etabliert ist, gewinnt es in Kanada erst allmählich an Bedeutung. Interim Leadership wird hier oft missverstanden – häufig mit dem Modell „Teilzeit-Executive“ verwechselt, das sich in Umfang und Wirkung deutlich unterscheidet. Zudem wird es oft lediglich als Überbrückungslösung gesehen – was sein strategisches Potenzial unterschätzt.
Dennoch ist die Nachfrage in den letzten Jahren stark gestiegen, insbesondere seit der Pandemie. Wirtschaftliche Unsicherheit, zunehmende Komplexität und der steigende Ergebnisdruck haben das Wachstum befeuert. Ein wesentlicher Treiber ist die wachsende Zahl internationaler Unternehmen, die in Kanada investieren und erwarten, dass ihre lokalen Strukturen globale Standards erfüllen. Auch wenn harte Zahlen schwer zu erheben sind, schätzen wir das jährliche Wachstum auf 15 bis 20 Prozent.
Welche Interim-Funktionen sind derzeit am gefragtesten? Haben sich die Trends über die Zeit verändert?
Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Interim-Mandaten zur Sicherung von Führungskontinuität und solchen mit Transformationsfokus. Beide sind wichtig – aber es sind die Transformationsmandate, die den Markt vorantreiben.
CFOs sind nach wie vor die am häufigsten nachgefragte Rolle – ob zur Überbrückung von Führungslücken oder für Projekte wie Fundraising, M&A, Restrukturierungen oder IPO-Vorbereitungen. Auch die Nachfrage nach COOs ist gestiegen, da Unternehmen operative Effizienz steigern oder schwächelnde Bereiche neu aufstellen möchten.
CHROs werden häufig für Themen wie Organisationsentwicklung, Workforce Planning und kulturelle Integration eingesetzt. Auf der technologischen Seite sind CIOs und Chief Digital Officers gefragt, etwa für digitale Transformation, ERP-Einführungen oder Cybersecurity-Projekte. Interim-CEO-Mandate sind besonders heikel – z. B. bei Krisen, Nachfolgeregelungen oder Post-M&A-Phasen.
In welchen Branchen ist Executive Interim Management besonders verbreitet?
Interim Leadership ist im Non-Profit- und NGO-Sektor schon länger bekannt. Darüber hinaus steigt die Nutzung in Branchen, die unter Leistungs- oder Veränderungsdruck stehen.
Private-Equity- und Investoren-geführte Unternehmen setzen Interim Executives für operative Verbesserungen, Exit-Vorbereitungen und Post-Merger-Integrationen ein. Industrie- und Fertigungsunternehmen greifen auf sie zurück für Produktionsoptimierung, Supply-Chain-Neuausrichtung oder Turnaround-Projekte. In den Bereichen Tech und SaaS (Software-as-a-Service) unterstützen sie Skalierung, Kapitalbeschaffung und strategische Neuausrichtungen. Auch im Gesundheitswesen, der Life-Sciences-, Finanz- und Konsumgüterbranche nimmt der Einsatz temporärer Führungskräfte zur Modernisierung und Steuerung von Übergangsphasen zu.
Was sind die häufigsten Herausforderungen deiner Kund:innen?
Bei xNorth sind die meisten Einsätze mit unternehmensstrategischen Wendepunkten verknüpft. Transformation ist dabei der häufigste Auslöser – ob digital, operativ oder organisatorisch. Unternehmen entwickeln neue Geschäftsmodelle, expandieren in neue Märkte oder modernisieren veraltete Systeme – und brauchen dafür erfahrene Führungskräfte, die solche Komplexität meistern können.
Auch Wachstum ist ein häufiger Trigger – insbesondere, wenn die internen Kapazitäten mit der Expansion nicht Schritt halten. M&A-Aktivitäten sind ebenfalls ein wiederkehrendes Thema: Interim Executives begleiten hier z. B. die Deal-Vorbereitung, Post-Merger-Integrationen oder Carve-outs. Krisen und Restrukturierungen entstehen bei Ertragseinbrüchen, neuen regulatorischen Anforderungen oder Führungsinstabilität. Interim Manager:innen springen außerdem bei plötzlichen Führungsausfällen ein.
Welche Erwartungen haben kanadische Unternehmen an Interim Manager:innen hinsichtlich Erfahrung, Verfügbarkeit und Flexibilität?
Kanadische Auftraggeber haben sehr spezifische Erwartungen. Aufgrund der eher risikoaversen Geschäftskultur suchen Unternehmen nach Interim Executives mit tiefgreifender, relevanter Erfahrung – in der Regel 15 bis 20 Jahre – in vergleichbaren Branchen und Situationen.
Sie erwarten, dass die Interim Manager:innen schnell starten, Verantwortung übernehmen und sofort Ergebnisse liefern. Verfügbarkeit ist entscheidend – viele Positionen müssen innerhalb weniger Tage oder Wochen besetzt werden. Flexibilität spielt ebenfalls eine Rolle: Manche Mandate sind Vollzeit, andere hybrid oder in Teilzeit.
Soft Skills sind im multikulturellen und kooperativen kanadischen Umfeld besonders wichtig. Interim Executives müssen schnell Vertrauen aufbauen, mit vielfältigen, kulturellen Backgrounds umgehen können und sich reibungslos ins bestehende Team integrieren – ohne die Dynamik zu stören.
Gibt es rechtliche, kulturelle oder wirtschaftliche Besonderheiten in Kanada, die den Einsatz von Interim Management beeinflussen?
Ja, einige. Rechtlich ist Kanada offen für projektbasierte Verträge – vorausgesetzt, Umfang, Dauer und Exit-Bedingungen sind klar definiert.
Kulturell haben kanadische Unternehmen traditionell eher langfristige Festanstellungen bevorzugt. Das ändert sich langsam. Die Offenheit gegenüber flexibleren Führungsmodellen nimmt zu – und viele Führungskräfte interessieren sich inzwischen gezielt für Interim-Mandate, um an wirkungsvollen Projekten mitzuarbeiten, ohne sich dauerhaft zu binden. Weil der Markt aber noch reift, erleben viele Interim Professionals Phasen ohne Mandat zwischen den Einsätzen.
Wirtschaftlich sorgt die derzeitige Unsicherheit dafür, dass Unternehmen bei Festanstellungen vorsichtiger agieren. Interim Management bietet hier eine flexible Alternative mit geringeren langfristigen Kosten. In Québec kommen zusätzlich noch Sprach- und Kulturfaktoren hinzu – etwa die Bedeutung von Zweisprachigkeit und kultureller Passung.
Wie weit entwickelt ist das Interim Management Ökosystem in Kanada? Setzen Unternehmen eher auf spezialisierte Anbieter oder auf informelle Netzwerke?
Das Ökosystem ist noch im Aufbau und stark beziehungsbasiert. Informelle Netzwerke – z. B. Empfehlungen durch Boards, persönliche Kontakte oder Executive Recruiter – werden vor allem bei kurzfristigen Überbrückungen häufig genutzt.
Für komplexere Transformationsmandate wenden sich jedoch zunehmend mehr Unternehmen an spezialisierte Anbieter wie xNorth. Wir bieten nicht nur die Besetzung von Rollen, sondern auch begleitende Beratung und strukturierte Unterstützung während des gesamten Mandats. Der Markt nimmt spürbar Fahrt auf: Frühere Kunden kehren mit neuen Anforderungen zurück, und immer mehr Branchen erkennen den strategischen Mehrwert temporärer Führung.
Wir sehen hier eine große Chance: xNorth möchte Wegbereiter sein und bewährte Methoden aus dem reifen europäischen Markt auf die kanadischen Besonderheiten zu übertragen.
