„China ist ein Marathon, kein Sprint“ – Ein Interview mit Thaddäus Müller, Managing Partner von FES Partners und Valtus Alliance Partner in China

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Von München nach Ho-Chi-Minh-Stadt – mit über 20 Jahren Erfahrung in Asien hat Thaddäus Müller den rasanten Wandel der chinesischen Wirtschaft aus nächster Nähe miterlebt. Als geschäftsführender Gesellschafter von FES Partners – unserem Valtus Alliance Partner in China – bringt er tiefes lokales Wissen, interkulturelle Kompetenz und ein einzigartiges Netzwerk in jedes Interim-Mandat in der Region ein.

Wie würdest du den aktuellen Stand des Interim Management-Marktes in China und im asiatisch-pazifischen Raum beschreiben? Hat die Nachfrage in den letzten Jahren zugenommen – und wenn ja, in welcher Größenordnung?

„Der Interim Management-Markt in China entwickelt sich dynamisch, befindet sich aber noch in einer frühen Phase im Vergleich zu etablierten Märkten. Die Nachfrage steigt kontinuierlich – vor allem bei auslandsinvestierten Unternehmen, Joint Ventures und wachstumsstarken, innovationsgetriebenen Firmen. Das jährliche Wachstum liegt im unteren zweistelligen Prozentbereich.

Ein anschauliches Beispiel: Als unsere Partnerin Dora Zhong bei einer Branchenveranstaltung mit deutsch-chinesischen Geschäftsführer:innen fragte, wer Interim Management kenne, gingen fast alle Hände der ausländischen Führungskräfte nach oben – während von den chinesischen Kolleg:innen nur wenige überhaupt davon gehört hatten.

In Südostasien ist das Bild heterogener: Märkte wie Singapur und Malaysia gelten als relativ reif, während Länder wie Vietnam oder Indonesien noch am Anfang stehen. Dort sehen wir jährliche Wachstumsraten von 10 bis 20 % – getrieben durch Internationalisierung, Digitalisierung und Fachkräfteengpässe.“

Welche Interim-Funktionen sind derzeit besonders gefragt – etwa CEO, CFO, COO, CHRO – und hat sich das im Zeitverlauf verändert?

„Aktuell sind CFOs besonders gefragt – häufig zur Steigerung finanzieller Transparenz, zur Sicherstellung von Compliance oder zur Begleitung von M&A-Prozessen. Auch COOs und Expert:innen für Einkauf und Lieferkettenoptimierung werden stark nachgefragt.

In China gewinnen CHROs zunehmend an Bedeutung, vor allem im Zusammenhang mit Talententwicklung und HR-Transformation. Daneben steigt die Nachfrage nach Rollen im Bereich Technologie und digitale Transformation – etwa CTOs, CDOs oder Projektleiter:innen für Digitalisierungsinitiativen.

Ein klarer Trend: Weg vom klassischen generalistisch angelegten CEO, hin zu spezialisierten Expert:innen mit tiefem Fachwissen. Häufig gleicht die Suche nach passenden Kandidat:innen der sprichwörtlichen ‚Nadel im Heuhaufen‘ – da müssen sowohl Branchen- als auch Funktionskompetenz exakt passen.“

In welchen Branchen wird Interim Management in China besonders häufig eingesetzt?

„Zu den aktivsten Branchen zählen in China die Automobilindustrie, der Maschinenbau, Umwelttechnologie sowie Konsumgüterunternehmen. In diesen Sektoren geht es oft um Transformation, Prozessoptimierung oder die Einführung neuer Technologien.

Auch Technologie- und Infrastrukturunternehmen profitieren stark von Interim Management – insbesondere in Wachstumsphasen, bei Akquisitionen oder während Post-Merger-Integrationen. Darüber hinaus betreuen wir Sourcing-Büros verschiedenster FMCG-Produkte, die in China eingekauft werden.“

Was sind die häufigsten Herausforderungen, bei denen deine Kund:innen Interim Manager:innen einsetzen?

„Transformation steht ganz klar an erster Stelle – ob digital, strukturell oder kulturell. Interim Manager:innen spielen zudem eine entscheidende Rolle bei Restrukturierungen, Turnarounds oder M&A-Prozessen, insbesondere bei der Post-Merger-Integration.

Darüber hinaus helfen sie beim Management starken Wachstums und beim Aufbau neuer Geschäftsbereiche – oder sie springen ganz pragmatisch ein, wenn es kurzfristig zu kritischen Vakanzen in der Führungsebene kommt.

Kurz gesagt: Interim Management vereint die nötige Agilität und Expertise, um komplexe Herausforderungen schnell zu lösen – kombiniert mit Erfahrung und Sprachkenntnissen, um in China sofort einsatzfähig zu sein.“

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Welche Erwartungen haben deine Kund:innen in Bezug auf Erfahrung, Verfügbarkeit und Flexibilität an Interim Manager:innen?

„Unsere Kund:innen erwarten Seniorität, branchenspezifische Erfahrung und eine klar belegbare Erfolgsbilanz. Besonders geschätzt wird ein fundiertes Verständnis des lokalen Marktes – oder alternativ starke interkulturelle Kompetenzen und Mandarin-Kenntnisse.

Schnelle Verfügbarkeit ist fast immer entscheidend – häufig innerhalb weniger Tage oder Wochen. Flexibilität ist ebenfalls ein Muss und zwar hinsichtlich Mandatsdauer, Aufgabenbereich, Arbeitsweise und Integration in bestehende Strukturen.

Reisebereitschaft und kulturelle Anpassungsfähigkeit sind ebenso wichtig. Glücklicherweise bietet Chinas Infrastruktur mit über 250 Flughäfen und mehr als 500 Hochgeschwindigkeitsbahnhöfen sehr gute Voraussetzungen für Mobilität.“

Wie offen sind chinesische Unternehmen für Interim Management? Sind hier der arbeitsrechtliche Rahmen und eine traditionell langfristige Beschäftigungsorientierung ein Thema?

„Die Offenheit chinesischer Unternehmen für Interim-Lösungen ist nach wie vor begrenzt – Loyalität und langfristige Bindung haben vielerorts weiterhin einen hohen Stellenwert. Interim Manager:innen werden vereinzelt noch als Zeichen interner Schwäche wahrgenommen.

Aber das ändert sich langsam: Besonders auslandsinvestierte Unternehmen und moderne chinesische Firmen in Wachstumsphasen erkennen zunehmend die Vorteile temporärer Lösungen – für Projekte, Transformationen oder kritische Übergänge.

Dabei ist kulturelles Feingefühl essenziell – vor allem in Bezug auf Hierarchien, Beziehungspflege und das Thema Gesichtsverlust. Chinesische Führungskräfte sind häufig noch nicht offen für kurze Verträge, etwa sechs Monate – sie bevorzugen die klassische Dreijahresbindung. Doch mit dem wachsenden Pool qualifizierter chinesischer Interim-Talente wird das Modell auch bei lokalen Unternehmen an Akzeptanz gewinnen.

Es gibt aber auch regulatorische Herausforderungen:

Arbeitsvertragsrecht:
Die chinesischen Arbeitsgesetze zielen auf den Schutz von Arbeitnehmer:innen und fördern langfristige Beschäftigung. Befristete Verträge sind zwar erlaubt, unterliegen aber strengen Regelungen bei Abschluss und Verlängerung. Interim-Mandate, die sich auf projektbezogene Zeiträume beziehen, müssen daher diesen Anforderungen entsprechen, um arbeitsrechtliche Konflikte oder unbeabsichtigte Festanstellungen zu vermeiden.

Sozialversicherung und Steuern:
Die ordnungsgemäße Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen und die steuerliche Behandlung temporärer Fachkräfte kann komplex sein – insbesondere bei ausländischen Interim Manager:innen. Eine saubere, gesetzeskonforme Umsetzung ist hier unerlässlich.