
Bei Valtus greifen wir auf ein globales Netzwerk von Restrukturierungsexpert:innen zurück, da sich rechtliche Rahmenbedingungen und Restrukturierungskulturen zwischen Ländern und Kontinenten unterscheiden. In diesem grenzüberschreitenden Gespräch teilt Wim De Mulder, Partner bei VALPEO in Brüssel, seine Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Erfahrung im Austausch mit Juan Manuel Gil de Escobar Delgado von Epunto Interim in Madrid.
Was zeichnet den rechtlichen Rahmen für Insolvenzen und Restrukturierungen in Belgien aus?
Nach belgischem Recht können insolvente Unternehmen ihre Insolvenz vertraulich vorbereiten – im Rahmen einer sogenannten „Stillen Insolvenz“. Dieses vergleichsweise neue Verfahren zielt darauf ab, die negative öffentliche Wahrnehmung einer offenen Insolvenz zu vermeiden und gleichzeitig die Übertragung von Vermögenswerten oder Geschäftsbetrieben im Rahmen einer Fortführung („going concern“) zu ermöglichen.
Innerhalb eines begrenzten Zeitraums verhandelt die Schuldnerseite diese Übertragungen vertraulich und unter eingeschränkter gerichtlicher Aufsicht. Sind die Verhandlungen erfolgreich, wird anschließend ein öffentliches Insolvenzverfahren eröffnet und die Übertragung dann auch gleich darauf durchgeführt.
Das Verfahren wird nur gewährt, wenn glaubhaft gemacht werden kann, dass die vorbereitete Veräußerung eine geordnete Liquidation unterstützt und den Interessen von Gläubiger:innen und Mitarbeiter:innen dient. Wird es genehmigt, wird eine potenzielle Insolvenzverwalter:in für bis zu 30 Tage bestellt, verlängerbar auf maximal 60 Tage.
Was ist deiner Erfahrung nach der häufigste Fehler von Unternehmen in der frühen Phase einer Liquiditätskrise?
Unternehmen reagieren häufig zu spät, was ihre Verhandlungsposition deutlich schwächt und zu schlechteren Ergebnissen bei Kapitalmaßnahmen oder Kostensenkungen führt.
Ein weiteres häufiges Problem ist ein ineffizientes Forderungsmanagement: Unternehmen treiben offene Forderungen nicht konsequent ein und finanzieren dadurch faktisch ihre Kund:innen zinsfrei – während ihnen selbst die Liquidität ausgeht.
Zusätzlich wird der Cash-Zyklus oft vernachlässigt, etwa durch fehlende oder ungenaue kurzfristige Liquiditätsplanungen, was zu Fehlentscheidungen und unnötig hohen Aufwendungen führen kann. Im schlimmsten Fall erfolgt dann parallel auch noch ein Personalaufbau auf Basis veralteter Finanzprognosen, was die Siuation dann erst recht verschärft.
Diese Fehler sind kritisch, da Unternehmen auf dem Papier profitabel erscheinen können, obwohl sie tatsächlich in einer Liquiditätskrise stecken – insbesondere bei schnell wachsenden Unternehmen, bei denen Ein- und Auszahlungen nicht im Gleichgewicht sind.
Wann und in welcher Rolle sollte eine externe Restrukturierungsexpert:in hinzugezogen werden – und wer sollte sie mandatieren?
Eine externe Expert:in, etwa als CRO oder Interim CFO, sollte eingebunden werden, wenn ein Unternehmen seinen laufenden Liquiditätsbedarf oder seine Schuldenverpflichtungen nicht mehr erfüllen kann, finanzielle Kennzahlen verletzt, deutliche Ergebnisrückgänge verzeichnet oder intern nicht über ausreichend Know-how für komplexe Turnaround-Situationen verfügt.
Auch Druck von Stakeholdern – etwa von Gläubiger:innen, die eine unabhängige Einschätzung verlangen – kann diesen Schritt auslösen.
Mandatiert werden solche Expert:innen typischerweise vom Vorstand bzw. Verwaltungsrat, von Gläubiger:innen, der Geschäftsführung, Eigentümer:innen oder auch durch Gerichte.
Frühes Handeln ist entscheidend, da es die Erfolgschancen einer Restrukturierung erheblich erhöht. Externe Expert:innen bringen eine unabhängige Perspektive, Glaubwürdigkeit gegenüber Stakeholdern sowie die Fähigkeit mit, schwierige Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig eng mit dem bestehenden Management zusammenzuarbeiten.
Welchen Rat hast du für Geschäftsführer:innen von Unternehmen in finanziellen Schwierigkeiten?
Geschäftsführer:innen sollten die Liquidität und die Entwicklung des Working Capitals. Eine rollierende detaillierte Cashflow-Prognose ist hier unerlässlich.
Wichtig ist auch die Erhöhung der Frequenz von Board- bzw. Geschäftsleitungssitzungen, um finanzielle Entwicklungen laufend zu analysieren und Restrukturierungsmaßnahmen zu bewerten. Entscheidungen sollten sorgfältig dokumentiert werden, um nachweisen zu können, dass sie im besten Interesse des Unternehmens getroffen wurden.
In Krisensituationen haben die Interessen der Gläubiger:innen Vorrang vor denen der Anteilseigner:innen. Bei konzerninternen Transaktionen ist besondere Vorsicht geboten. Eine transparente, aber vertrauliche Kommunikation mit Stakeholdern ist bei Unternehmen in Schwierigkeit ebenso wichtig wie das frühzeitige Einholen externer Beratung.
Kannst du ein aktuelles Restrukturierungsbeispiel aus Belgien beschreiben?
Ein aktuelles Mandat betraf die Rekapitalisierung und Neuverhandlung der Finanzstruktur eines belgischen Portfoliounternehmens im Besitz einer britischen Private-Equity-Gesellschaft. Ziel war es, die Verschuldung zu reduzieren und die Fortführung des Unternehmens zu sichern.
Der eingesetzte CRO leitete sowohl finanzielle als auch rechtliche Restrukturierungsmaßnahmen ein, er steuerte die Liquidität und führte Verhandlungen mit zentralen Stakeholdern wie Banken, Gläubiger:innen und Investor:innen. Parallel wurden operative Verbesserungen und Kostensenkungen umgesetzt.
Innerhalb von sechs Monaten konnten die Finanzierungsstruktur erfolgreich neu verhandelt werden, wodurch das Unternehmen stabilisiert und seine Geschäftstätigkeit gestärkt werden konnten.
Wie viele Restrukturierungsmanager:innen umfasst der Talentpool von VALPEO?
VALPEO verfügt über rund 75 Restrukturierungsmanager:innen mit umfassender Erfahrung mit Transformationen, Post-M&A-Integrationen und Krisenmanagement. Sie werden je nach Anforderungen und Komplexität passgenau eingesetzt. Im Jahr 2025 schloss VALPEO vierzehn Restrukturierungsmandate ab.
Wie effizient ist die Zusammenarbeit zwischen Management, Gläubiger:innen und Gerichten in Belgien?
Die Zusammenarbeit gilt insgesamt als effizient und ausgewogen – insbesondere nach Reformen im Jahr 2023, die das belgische Recht an die EU-Restrukturierungsrichtlinie angepasst haben.
Der rechtliche Rahmen verbindet schuldnerfreundliche Instrumente mit dem Schutz der Gläubiger:innen und schafft so ein flexibles System zur Sanierung tragfähiger Unternehmen.
Wie etabliert ist Private Equity in Restrukturierungssituationen in Belgien?
Während Banken und bestehende Anteilseigner:innen in frühen Krisenphasen weiterhin dominieren, gewinnt Private Equity bei der Lösung von Krisen zunehmend an Bedeutung. Unternehmen wie Argos Wityu, CIM Capital und Waterland Private Equity stellen Kapital, Transformationsexpertise und operative Unterstützung bereit und schließen damit eine wichtige Lücke im Markt.
Wie verhalten sich belgische Hausbanken in Restrukturierungsprozessen?
Hausbanken in Belgien können sowohl unterstützende Partner:innen als auch Hindernisse sein. Wird ein Unternehmen als überlebensfähig eingeschätzt und agiert es transparent, so unterstützen Banken in der Regel Restrukturierungsmaßnahmen.
Sind die Risiken jedoch hoch oder fehlt es an Transparenz, dann konzentrieren sich Banken stärker auf den Schutz ihrer eigenen Bilanzen und verfolgen häufig eine restriktivere Haltung.