Globale Krisen, geopolitische Spannungen, Lieferengpässe, steigende Nachhaltigkeitsanforderungen und digitale Disruption: Kaum ein Unternehmensbereich steht aktuell unter so starkem Veränderungsdruck wie das Supply Chain Management.
Wie Unternehmen diesen Herausforderungen begegnen können, welche Trends die Branche prägen und welche Rolle Interim Manager:innen dabei spielen, bespricht Roman Benedetto, Partner der Management Factory, im Gespräch mit Joachim Schück, Partner bei Valtus Germany und ausgewiesener Supply-Chain-Experte.
Joachim, welche Erfahrungen bringst du in deine Arbeit als Partner bei Valtus Germany ein?
Ich bringe viele Jahre internationale Erfahrung im Supply Chain Management mit, davon einen großen Teil in leitenden Funktionen globaler Unternehmen. Besonders wichtig ist mir, Transformation nicht nur auf der Strategieebene zu denken, sondern sie auch operativ konsequent umzusetzen. Mich reizt es, komplexe Ausgangslagen in echte Entwicklungschancen zu verwandeln. Bei Valtus kann ich diese Erfahrung mit der Dynamik des Interim Managements verbinden und Unternehmen in herausfordernden Situationen schnell, pragmatisch und wirkungsvoll unterstützen.
Wie hat sich die Rolle der Supply Chain in den letzten Jahren verändert?
Früher wurde Supply Chain Management primär operativ und kostengetrieben gesehen. Heute ist sie ein zentraler strategischer Erfolgsfaktor, ein Hebel, der Kundenzufriedenheit, Liefersicherheit, Kostenstrukturen, Nachhaltigkeit und Innovationsfähigkeit maßgeblich beeinflusst. Für das Top-Management heißt das: Die Supply Chain gehört in die erste Reihe – strategisch gedacht, kundenzentriert ausgerichtet und fest in der Unternehmensführung verankert.
Viele Unternehmen sprechen über Resilienz – wie entsteht sie in der Praxis?
Die vergangenen Krisen haben deutlich gemacht, wie verwundbar globale Lieferketten sein können. Resilienz entsteht durch Diversifizierung, Nearshoring und vor allem durch Transparenz in Echtzeit. Vor allem aber ist Resilienz kein fixer Zustand, sondern ein dauerhaftes Führungsprinzip, welches auf drei Prinzipien beruht:
- Transparenz: Wo bestehen kritische Abhängigkeiten?
- Organisation: Haben wir die richtigen Strukturen, Prozesse und Entscheidungswege?
- Kultur: Wie gehen wir mit Unsicherheit um, wie schnell werden wir handlungsfähig?
Und nicht zuletzt braucht es eine klare „Can-Do-Mentalität“.
Welche Trends prägen das Supply Chain Management aktuell am stärksten?
Es dominieren derzeit ganz klar drei Themen:
- Geopolitik: Handelskonflikte, Zölle, Energiepreise und fragile Abhängigkeiten.
- Nachhaltigkeit: ESG-Vorgaben, CO₂-Reduktion, Lieferkettengesetz und Kreislaufwirtschaft.
- Digitalisierung: In vielen Unternehmen noch am Anfang, aber entscheidend für die Zukunftsfähigkeit.
Diese drei Treiber parallel zu steuern, ist eine anspruchsvolle Managementaufgabe.
Nachhaltigkeitsthemen kann ein:e Interim Supply Chain Manager:in direkt beeinflussen. Aber wie kann er bzw. sie Geopolitik steuern?
Direkt im Sinne von nationaler oder globaler Politik natürlich nicht. Geopolitische Rahmenbedingungen – Handelskonflikte, Sanktionen, Zölle, kriegerische Auseinandersetzungen liegen außerhalb der operativen Einflusssphäre eines Unternehmens. Was aber ein:e Interim Supply Chain Manager:in sehr wohl leisten kann:
- Geopolitische Risiken antizipieren, analysieren und in ein belastbares Risikomanagement überführen.
- Liefernetzwerke mittels Friendshoring und alternativen Sourcing-Strategien diversifizieren, um Verwundbarkeiten zu reduzieren und Abhängigkeiten zu entschärfen.
- Im Fall des Falles rasch Entscheidungen treffen bzw. Entscheidungsprozesse treiben, um keine Zeit zu verlieren.
Ein Interim Executive wirkt in diesem Sinne wie ein „Brückenbauer“ zwischen unternehmerischer Strategie und exogenem Umfeld. Er schafft Anpassungsfähigkeit, ohne die geopolitischen Kräfte selbst zu verändern. Gerade in Zeiten fragmentierter globaler Wirtschaftsbeziehungen ist dies ein wichtiger Beitrag zur Stabilität und Zukunftsfähigkeit der Lieferkette.
Als dritten Treiber hast du die Digitalisierung genannnt. Was meinst Du damit?
Digitalisierung ist der Schlüssel zu Transparenz und Automatisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. KI, IoT und Advanced Analytics ermöglichen vorausschauende Planung, Echtzeit-Risikomonitoring und fundierte Entscheidungsfindung. Dadurch entwickelt sich die Supply Chain von einer reaktiven Funktion zu einem proaktiven Steuerungssystem. Digitalisierung als Fundament der Supply Chain von morgen
Wie verändert sich die Rolle von Supply Chain Manager:innen?
Führungskräfte müssen sich zunehmend als Enabler verstehen. Gefragt sind Change-Management-Kompetenz, bereichsübergreifendes Denken und die Fähigkeit, Menschen durch komplexe Transformationsprozesse zu führen. Kultureller Wandel, Vertrauen und Empowerment werden zu entscheidenden Erfolgsfaktoren.
Warum misslingen so viele Transformationsprojekte an den weichen Faktoren?
Transformation scheitert selten an der Strategie, sondern meist an den Menschen. Der Faktor Mensch wird häufig unterschätzt. Neue Systeme oder Prozesse allein reichen nicht. Transformation gelingt nur, wenn Führung früh eingebunden wird, Ängste ernst genommen werden, Orientierung geschaffen wird und die richtigen Personen Verantwortung tragen. Ohne diese Basis verpufft selbst die beste Strategie.
Was zeichnet Unternehmen aus, die Wandel wirklich meistern? Was sind die Erfolgsprinzipien agiler Unternehmen?
Agile Unternehmen brauchen drei Dinge, um erfolgreich zu sein: Konsequenz, Kommunikation und Klarheit.
- Konsequenz – auch wenn Entscheidungen unbequem sind.
- Kommunikation – offen, ehrlich und kontinuierlich.
- Klarheit – ein gemeinsames Zielbild, das Orientierung gibt.
Gute Interim Manager:innen schaffen Strukturen, die über ihren Einsatzszeitraum hinaus Bestand haben und wirken.
Was motiviert dich persönlich an deiner Arbeit?
Mich motiviert es, wenn sich etwas bewegt – in den Köpfen und in der Organisation. Wenn ein Kunde sagt: „Ohne Dich hätten wir das so nicht geschafft“, weiß ich, wofür ich es tue. Erfolgreiche Beratung bedeutet für mich, keine Standardlösungen zu liefern, sondern gemeinsam nachhaltige Strukturen aufzubauen, die Performance steigern und die Organisation langfristig stärken.
Warum setzen Unternehmen verstärkt auf Interim Manager:innen im SCM?
Lieferketten sind heute hochkomplex und krisenanfällig. Interim Manager:innen bringen sofort verfügbare Expertise, Führungserfahrung und Branchenkenntnis ein. Sie stabilisieren kurzfristig und setzen gleichzeitig strategische Impulse.
Was zeichnet einen erfolgreichen Interim Executive im Supply Chain Management aus?
Folgende fünf Faktoren und Eigenschaften sind für erfolgreiche Interim Supply Chain Manager:innen unabdingbar:
- Hohe Umsetzungsstärke
- Krisenfestigkeit
- Digitale Kompetenz
- Führung in Unsicherheit
- Fähigkeit, operative Exzellenz und strategische Transformation zu verbinden
Welche Mehrwerte bietet ein:e Interim Manager:in gegenüber internen Lösungen?
Interim Manager:innen denken nicht nur operativ, sie sind strategische Gestalter:innen etwa bei der Erstellung globaler Lieferketten, beim Aufbau digitaler Plattformen oder bei der Erarbeitung einer nachhaltigen Sourcing-Strategie. Sie schaffen Strukturen, die über ihren Einsatz hinaus wirksam bleiben.
Folgende Punkte sprechen für den Einsatz eines bzw. einer Supply Chain Manager:in:
- Objektiver Blick von außen
- Politische Unabhängigkeit
- Best Practices aus unterschiedlichen Branchen
- Schnelle, datenbasierte Entscheidungen
- Konsequente Ergebnisorientierung
- Keine internen Karriereinteressen
Interim Manager:innen denken nicht nur operativ, sondern gestalten auch strategisch – etwa bei der Erstellung globaler Lieferketten, beim Aufbau digitaler Plattformen oder bei nachhaltigen Sourcing-Strategien. Sie schaffen Strukturen, die über ihren Einsatz hinaus wirksam bleiben.
