
Bei der Valtus Alliance greifen wir auf ein internationales Netzwerk von Restrukturierungsexpert:innen zurück, weil jedes Land über eigene rechtliche Rahmenbedingungen und eine eigene Restrukturierungspraxis verfügt. In diesem Expertengespräch erläutert Juan Manuel Gil de Escobar, Managing Partner bei Epunto in Madrid, wie Restrukturierungen in Spanien angegangen werden. Das Interview führt Ronald de Zoete, Partner bei Valpeo in Amsterdam.
Was zeichnet den rechtlichen Rahmen für Insolvenzen und Restrukturierungen in Spanien aus?
Spanien zeichnet sich durch das außergewöhnliche Konzept der „Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz“ („Probabilidad de Insolvencia“) aus. Dieses dient als rechtlicher Auslöser, um bis zu zwei Jahre vor einem tatsächlichen Zahlungsausfall einen Restrukturierungsplan umzusetzen.
Der aktuelle konsolidierte Text des Insolvenzgesetzes (Texto Refundido de la Ley Concursal, TRLC) beinhaltet die entsprechende Reform durch das Gesetz 16/2022, die im Zuge der Umsetzung der EU-Richtlinie 2019/1023 erfolgte.
Demnach liegt die „Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz“ vor, wenn absehbar ist, dass ein Unternehmen innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann – es sei denn, es wird ein Restrukturierungsplan vereinbart. Diese Stufe ist proaktiv ausgestaltet und klar abzugrenzen von der „Drohenden Insolvenz“ (mit einem Prognosezeitraum von drei Monaten) sowie der „Tatsächlichen Insolvenz“, die einen bereits eingetretenen Zahlungsausfall bezeichnet.
Für Board Mitglieder und Geschäftsführer:innen stellt dies einen strategischen Vorteil dar, da es einen Schutzschirm bietet, um Schuldenverhandlungen ohne den unmittelbaren Druck von Zwangsvollstreckungsmaßnahmen führen zu können. Zugleich ist die „Probabilidad de Insolvencia“ jedoch auch ein zweischneidiges Schwert: Wird dieser Mechanismus trotz klarer Anzeichen wirtschaftlicher Untragbarkeit nicht genutzt, kann dies eine Verletzung der Sorgfaltspflicht darstellen. Eine solche Pflichtverletzung kann im Falle einer später als schuldhaft eingestuften Insolvenz sowohl strafrechtliche Konsequenzen als auch eine persönliche Haftung für Unternehmensverbindlichkeiten nach sich ziehen.
Was ist deiner Erfahrung nach in Spanien der häufigste Fehler, den Unternehmen in der Frühphase einer Liquiditätskrise begehen?
Die häufigsten – und zugleich folgenschwersten – Fehler sind Verdrängung und der Versuch, die Krise mit denselben Mitteln und Methoden zu lösen, die sie ausgelöst haben. Aufsichtsräte und Geschäftsführer setzen häufig auf eine wundersame Markterholung. In der realen Welt tritt diese selten ein.
Führungskräfte in Spanien müssen verstehen, dass die „Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz“ keine optionale Rettungsmaßnahme ist, sondern eine verpflichtende Ausübung der Sorgfaltspflicht darstellt. Wird sie erkannt, ist sofortiges Handeln erforderlich, um sowohl die Unternehmensfortführung als auch die rechtliche Absicherung der Organe zu gewährleisten – auch wenn diese Entscheidung äußerst schwierig ist.
Zu welchem Zeitpunkt – und in welcher Rolle sollte eine externe Restrukturierungsexpert:in eingebunden werden?
Eine Expertin oder ein Experte sollte unmittelbar nach Feststellung der „Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz“ hinzugezogen werden – ohne unnötige Verzögerung.
In mittelgroßen und großen Unternehmen reicht eine klassische Beratung häufig nicht aus, da deren Rolle meist auf die Erstellung von Berichten und Konzepten beschränkt bleibt. Entscheidend ist die Einbindung eines Interim-Restrukturierungsmanagers bzw. einer Interim-Restrukturierungsmanagerin in der Funktion eines Chief Restructuring Officers (CRO). Diese Person beschränkt sich nicht auf Beratung, sondern übernimmt die operative Steuerung der Sanierung und verfügt über die notwendige Autorität, um tiefgreifende Veränderungen sowohl in der operativen Tätigkeit als auch in der Kapitalstruktur umzusetzen.
Wie beurteilst du den Einsatz von Schutzschirmverfahren als Teil einer Restrukturierungsstrategie?
In Spanien stellt der Restrukturierungsplan selbst den zentralen Schutzmechanismus dar. Wird jedoch frühzeitig ein qualifizierter CRO mit ausreichendem zeitlichen Vorlauf eingebunden, kann in vielen Fällen sogar auf die formale Durchführung eines gerichtlichen Plans verzichtet werden.
Der bestehende zeitliche Handlungsspielraum ermöglicht es, unter fachkundiger Leitung eine diskrete und agile Restrukturierung umzusetzen. So kann das Unternehmen stabilisiert werden, bevor die Krise öffentlich und publik wird.
Wie sieht euer lokales Restrukturierungsnetzwerk in Spanien aus? Mit wem arbeitest du regelmäßig zusammen?
Bei EPUNTO Interim Management, Mitglied der Valtus Alliance, haben wir in unserem Pool erfahrener Interim Manager:innen – Spezialist:innen für Operations, Finanzen und Human Resources mit klar ausgeprägten CRO-Profilen.
Dabei handelt es sich um hands-on Führungspersönlichkeiten, die in der Lage sind, innerhalb kürzester Zeit die Liquidiät zu stabilisieren und komplexe Verhandlungen mit Gläubigern, Banken und Eigentümern zu führen. Sie kooperieren dabei häufig mit renommierten und auf Wirtschaftsrecht spezialisierten Anwaltskanzleien, damit die operativen und rechtlichen Strategien präzise aufeinander abgestimmt werden und damit die Umsetzung dann möglichst friktionsfrei erfolgen kann.