{"id":51174,"date":"2021-07-22T16:55:20","date_gmt":"2021-07-22T14:55:20","guid":{"rendered":"https:\/\/mf.ag\/?p=51174"},"modified":"2024-05-24T11:45:42","modified_gmt":"2024-05-24T09:45:42","slug":"newsletter-02-2021-die-neue-restrukturierungsordnung-teil-1-die-mehrheit-schafft-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mf.ag\/de\/artikel\/newsletter-02-2021-die-neue-restrukturierungsordnung-teil-1-die-mehrheit-schafft-an\/","title":{"rendered":"Die neue Restrukturierungsordnung, Teil 1: Die Mehrheit \u201eschafft an\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit 17. Juli 2021 ist die neue Restrukturierungsordnung neben die bestehende Insolvenzordnung (IO) getreten. In diesem Newsletter fassen wir die wichtigsten Neuerungen zusammen und berichten, wie die Gl\u00e4ubiger eine von der breiten Mehrheit mitgetragene Sanierung k\u00fcnftig auch gegen den Widerstand von Akkordst\u00f6rern umsetzen k\u00f6nnen \u2013 die Mehrheit \u201eschafft an\u201c.<a href=\"http:\/\/archive.mf.ag\/index.php?id=135\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-status-quo-der-osterreichischen-restrukturierungspraxis\">Status quo der \u00f6sterreichischen Restrukturierungspraxis<\/h2>\n\n\n\n<p>Au\u00dfergerichtliche Restrukturierungen wurden bisher in \u00d6sterreich stets auf konsensualer Basis mit den betroffenen Anteilseignern, Vertragspartnern und insbesondere Gl\u00e4ubigern erarbeitet. Dabei wurde die Umsetzung des Sanierungsplans auf privatautonomer Basis sichergestellt, indem eine einvernehmliche Reorganisationsvereinbarung innerhalb der Grenzen des zwingenden Rechtes mit den betroffenen Stakeholdern getroffen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Reorganisationsvereinbarung umfasste dabei unterschiedlichste Ma\u00dfnahmen, von einfachen Stundungen \u00fcber Schuldenerl\u00e4sse der Gl\u00e4ubiger oder Kapitalzusch\u00fcsse der Anteilseigner bis hin zu Anteils\u00fcbertragungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Basis der bisher geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen in \u00d6sterreich konnten allerdings Gl\u00e4ubiger eine Sanierung blockieren, selbst dann, wenn die Mehrheit den Sanierungsplan mittr\u00e4gt. Die Motive dieser dissentierenden Gl\u00e4ubiger, auch \u201eAkkordst\u00f6rer\u201c genannt, k\u00f6nnen vielf\u00e4ltig sein. Manchen mag es darum gehen, Sondervorteile f\u00fcr sich herausschlagen, andere divergieren in ihrer Einsch\u00e4tzung der Durchsetzung der eigenen Sicherheiten oder haben schlicht emotionale Beweggr\u00fcnde f\u00fcr ihre St\u00f6rhaltung. In jedem Fall kann das Agieren der \u201eAkkordst\u00f6rer\u201c Sanierungen erheblich behindern oder Verhandlungen dar\u00fcber zur G\u00e4nze blockieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Falls eine au\u00dfergerichtliche L\u00f6sung aufgrund dessen nicht erreichbar erscheint, konnten Schuldner schon bisher auch den Weg einer gerichtlichen Sanierung unter dem Regime der Insolvenzordnung (\u201eIO\u201c) einschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der neuen Restrukturierungsordnung (\u201eReO\u201c) versucht der \u00f6sterreichische Gesetzgeber, die bestehende L\u00fccke zwischen einer konsensualen au\u00dfergerichtlichen Sanierung und einem Insolvenzverfahren zu schlie\u00dfen und dabei das Blockadepotenzial einzelner Gl\u00e4ubiger zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einf\u00fchrung der neuen Restrukturierungsordnung<\/h3>\n\n\n\n<p>Die neue Restrukturierungsordnung ist die mit Spannung erwartete Umsetzung einer EU-Richtlinie (Restrukturierungsrichtlinie EU 2019\/1023 \u00fcber pr\u00e4ventive Restrukturierungsrahmen), welche vor zwei Jahren in Kraft trat. Ziel dieser EU-Richtlinie war es, europ\u00e4ische Mindeststandards f\u00fcr ein pr\u00e4ventives Restrukturierungsverfahren zu schaffen. So sollte Unternehmen, die in Schieflage geraten, in einer m\u00f6glichst fr\u00fchen Phase und somit vor Eintritt der materiellen Insolvenz eine au\u00dfergerichtliche Sanierung erm\u00f6glicht werden. Denn erfahrungsgem\u00e4\u00df sind Sanierungschancen am gr\u00f6\u00dften, wenn solche Verfahren m\u00f6glichst fr\u00fch in Angriff genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Restrukturierungsordnung tritt mit 17. Juli 2021 neben die bestehende Insolvenzordnung (IO). Sie tritt somit gerade p\u00fcnktlich in Kraft, nachdem Ende Juni die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht beziehungsweise die Stundungen von Steuern und Abgaben im Rahmen der Coronavirus-Hilfen ausgelaufen waren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die neue ReO auf einen Blick<\/h3>\n\n\n\n<p>Die neue ReO soll Unternehmen die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, eine Stundung oder K\u00fcrzung von Verbindlichkeiten bei gleichzeitiger Eigenverwaltung umzusetzen. Voraussetzung daf\u00fcr ist ein Restrukturierungsplan im Rahmen eines au\u00dfergerichtlichen Verfahrens, dem eine bestimmte Mehrheit der in Klassen einzuteilenden Gl\u00e4ubiger zustimmt. Die Restrukturierung kann somit auch gegen den Widerstand von Akkordst\u00f6rern umgesetzt werden \u2013 die Mehrheit \u201eschafft an\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Mehrheiten erforderlich sind, haben wir in der nachfolgenden Grafik unter Punkt V dargestellt: Wird pro Gl\u00e4ubigerklasse eine Summenmehrheit von<em> 75&nbsp;%<\/em> sowie zus\u00e4tzlich eine einfache Kopfmehrheit erreicht, ist der Restrukturierungsplan f\u00fcr s\u00e4mtliche davon betroffenen Gl\u00e4ubiger bindend. Falls nicht in jeder Klasse die genannten Mehrheiten erreicht werden, ist eine gerichtliche Best\u00e4tigung des Restrukturierungsplans dennoch m\u00f6glich. F\u00fcr den sogenannten \u201eCram-down\u201c muss zumindest eine Mehrheit aller \u201eim Geld\u201c befindlichen Klassen zugestimmt haben, f\u00fcr den \u201eklassen\u00fcbergreifenden Cram-down\u201c muss eine Mehrheit der Klassen inklusive der besicherten Gl\u00e4ubiger zugestimmt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nachfolgende Grafik gibt einen exemplarischen \u00dcberblick \u00fcber den Verfahrensverlauf eines \u201eregul\u00e4ren\u201c Restrukturierungsverfahrens nach der ReO. Festzuhalten ist, dass die Anordnung einer Vollstreckungssperre (Punkt II) und die Bestellung eines Restrukturierungsbeauftragten (Punkt III) als optionale Verfahrensschritte anzusehen sind. Au\u00dferdem kann die Vorlage des Restrukturierungsplans (Punkt IV) bei entsprechender Vorbereitung bereits bei Antragsstellung erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"561\" src=\"https:\/\/mf.ag\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/csm_ReO_Gr1_aac3c7612a.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-51455\" srcset=\"https:\/\/mf.ag\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/csm_ReO_Gr1_aac3c7612a.jpg 1000w, https:\/\/mf.ag\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/csm_ReO_Gr1_aac3c7612a-300x168.jpg 300w, https:\/\/mf.ag\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/csm_ReO_Gr1_aac3c7612a-768x431.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Quelle: Exemplarische eigene Darstellung des \u201eregul\u00e4ren\u201c Verfahrens auf Basis der ReO<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">I. Verhandlungen, Antragstellung und Ver\u00f6ffentlichung des Verfahrens<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Einleitung des Verfahrens setzt die \u201ewahrscheinliche Insolvenz\u201c des Schuldners voraus. Diese Voraussetzung ist insbesondere dann erf\u00fcllt, wenn die Zahlungsunf\u00e4higkeit droht oder die Kennzahlen des Unternehmensreorganisationsgesetzes auf eine \u201ewahrscheinliche Insolvenz\u201c hindeuten (laut \u201eURG\u201c Eigenmittelquote unter <em>8&nbsp;%<\/em> und fiktive Schuldentilgungsdauer \u00fcber 15 Jahren).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verfahren steht grunds\u00e4tzlich allen Unternehmen offen. Ausgenommen sind allerdings Unternehmen der Versicherungs- und Finanzwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Antrag auf die Einleitung des Restrukturierungsverfahrens kann jedenfalls nur durch den Schuldner beim zust\u00e4ndigen Landesgericht erfolgen, in Wien ist es das Handelsgericht. Dabei beh\u00e4lt der Schuldner im Verfahren ganz oder zumindest teilweise die Kontrolle \u00fcber sein Verm\u00f6gen und den t\u00e4glichen Betrieb seines Unternehmens.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Antragstellung entf\u00e4llt auch die Haftung nach \u00a7 22 Abs. 1 URG, zumindest dann, wenn die Unternehmensleitung auf Basis eines Berichtes des Abschlusspr\u00fcfers \u00fcber die Vermutung eines Reorganisationsbedarfs unverz\u00fcglich ein Restrukturierungsverfahren einleitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Antrag auf Verfahrenseinleitung sind die Jahresabschl\u00fcsse der letzten drei Jahre, ein Verm\u00f6gensverzeichnis, ein Finanzplan f\u00fcr zumindest 90 Tage und der Restrukturierungsplan beizulegen. Alternativ zu einem detaillierten Restrukturierungsplan ist zun\u00e4chst auch ein Restrukturierungskonzept mit einem Mindestinhalt ausreichend, welches in weiterer Folge innerhalb einer Frist von h\u00f6chstens 60 Tagen mithilfe eines Restrukturierungs-beauftragten zu einem Restrukturierungsplan auszuarbeiten ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Stigmatisierung einer Insolvenz zu vermeiden, soll das Restrukturierungsverfahren nur auf Wunsch des Schuldners in der Ediktsdatei ver\u00f6ffentlicht werden. Eine Ver\u00f6ffentlichung hat jedoch zum Vorteil, dass die Gerichtsentscheidungen eines solchen \u00f6ffentlichen Verfahrens in der gesamten EU anzuerkennen sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">II. Vollstreckungssperre zur Aussetzung einzelner Durchsetzungsma\u00dfnahmen<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Schuldner kann zur Unterst\u00fctzung der Verhandlung \u00fcber den Restrukturierungsplan eine drei- bis sechsmonatige Schonfrist in Form einer Vollstreckungssperre erwirken. Diese kann f\u00fcr alle oder nur f\u00fcr bestimmte Gl\u00e4ubiger gelten, wobei eine allgemeine Vollstreckungssperre nur bei Ver\u00f6ffentlichung des Verfahrens gilt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend dieser Vollstreckungssperre ruht die Insolvenzantragspflicht wegen \u00dcberschuldung. Ebenso wenig kann aus diesem Grund ein Insolvenzverfahren durch die Gl\u00e4ubiger er\u00f6ffnet werden. Tritt hingegen die Zahlungsunf\u00e4higkeit ein, so soll die Vollstreckungssperre ein Insolvenzverfahren nicht mehr zwingend verhindern. Eine entsprechende Einsichtnahme in Exekutionsdaten hat vor der Anordnung einer Vollstreckungssperre durch das Gericht zu erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus beschr\u00e4nkt die Vollstreckungssperre die M\u00f6glichkeit zur Beendigung oder \u00c4nderung noch zu erf\u00fcllender Vertr\u00e4ge. So k\u00f6nnen wesentliche Vertragspartner (z.B. Vermieter oder Leasinggesellschaft) w\u00e4hrend der Vollstreckungssperre die f\u00fcr den Betrieb erforderlichen Vertr\u00e4ge nicht aufgrund von Zahlungsr\u00fcckst\u00e4nden ab\u00e4ndern, aufl\u00f6sen oder f\u00e4llig stellen. Auch darf die Leistung aufgrund der Restrukturierung nicht verweigert werden. Anspr\u00fcche auf die Auszahlung von Krediten sollen hingegen nicht von der Aufl\u00f6sungssperre erfasst werden. Dem Kreditgeber steht bei diesen Gesch\u00e4ften daher weiterhin das K\u00fcndigungsrecht aus wichtigem Grund wegen Verm\u00f6gensverschlechterung zu. Dadurch soll verhindert werden, dass der Schuldner eine offene Kreditlinie bzw. einen Betriebsmittelkredit abrufen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt unterliegen auch im Restrukturierungsverfahren avisierte K\u00fcndigungen oder Ab\u00e4nderungen von Vertr\u00e4gen den Bestimmungen des Vertragsrechts, womit neben den vertraglich vereinbarten K\u00fcndigungs-gr\u00fcnden ausschlie\u00dflich einvernehmliche L\u00f6sungen mit den Vertragspartnern gefunden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Festzuhalten ist, dass der Gl\u00e4ubiger an der Durchsetzung seiner Anspr\u00fcche nicht materiell-rechtlich, sondern nur prozessual gehindert wird. Insofern bleiben die betroffenen Forderungen weiter f\u00e4llig und Verzugszinsen laufen auf. In der Restrukturierungspraxis k\u00f6nnte dies unter anderem bedeuten, dass Aussonderungsanspr\u00fcche zwar grunds\u00e4tzlich von der Er\u00f6ffnung eines Restrukturierungsverfahrens unber\u00fchrt bleiben, die Vollstreckungssperre jedoch dazu f\u00fchrt, dass der Gl\u00e4ubiger eine Verz\u00f6gerung bei der Ausfolgung seines Gutes hinnehmen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sp\u00e4tere Sanierungspraxis wird zeigen, ob ein Restrukturierungsverfahren nach der neuen ReO nicht stets mit der Beantragung einer Vollstreckungssperre in Angriff genommen wird.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">III. Bestellung eines Restrukturierungsbeauftragten<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Restrukturierungsverfahren soll grunds\u00e4tzlich in Eigenverwaltung erfolgen. Diese Eigenverwaltung kann jedoch durch das Gericht oder die Bestellung eines Restrukturierungsbeauftragten eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist ein Restrukturierungsbeauftragter durch das Gericht dann zu bestellen, wenn eine Vollstreckungssperre angeordnet wird, die Mehrheit der Gl\u00e4ubiger dies beantragt oder es zu einem klassen\u00fcbergreifenden \u201eCram-down\u201c kommt (Details zu \u201eCram-down\u201c siehe Punkt VI). Das Gericht hat weitere M\u00f6glichkeiten, einen Restrukturierungsbeauftragten zu bestellen, unter anderem wenn Umst\u00e4nde bekannt sind, die erwarten lassen, dass die Eigenverwaltung zu Nachteilen f\u00fcr die Gl\u00e4ubiger f\u00fchren wird. In der Praxis wird es daher nur selten ein Verfahren ohne einen Restrukturierungsbeauftragten geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Aufgaben des Restrukturierungsbeauftragten hat das Gericht festzulegen und kann ihm dabei f\u00fcr die Dauer der Restrukturierungsverhandlungen insbesondere folgende Aufgaben \u00fcbertragen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Unterst\u00fctzung bei der Ausarbeitung oder Aushandlung des Restrukturierungsplans,<\/li>\n\n\n\n<li>die \u00dcberwachung der T\u00e4tigkeit des Schuldners und \/ oder<\/li>\n\n\n\n<li>die \u00dcbernahme der teilweisen Kontrolle \u00fcber die Verm\u00f6genswerte oder Gesch\u00e4fte des Schuldners.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Im Verh\u00e4ltnis zu Dritten ist der Restrukturierungsbeauftragte zu allen Rechtshandlungen befugt, welche die Erf\u00fcllung der mit seinen Aufgaben verbundenen Obliegenheiten mit sich bringt. Er hat dabei im Rahmen seiner Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung die gebotene Sorgfalt anzuwenden und die (Sonder-)Interessen der einzelnen Beteiligten zu wahren. In diesem Zusammenhang ist der Restrukturierungsbeauftragte gegen\u00fcber allen Beteiligten auch f\u00fcr pflichtwidrig verursachte Verm\u00f6gensnachteile verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt werden die Aussichten f\u00fcr ein erfolgreiches Restrukturierungsverfahren steigen, wenn unabh\u00e4ngige, fachkundige und erfahrene Turnaround Manager, Wirtschaftstreuh\u00e4nder, Unternehmensberaterinnen und -berater sowie Rechtsanw\u00e4ltinnen und Rechtsanw\u00e4lte fr\u00fchzeitig in das Verfahren einbezogen werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">IV. Erstellung des Restrukturierungsplans<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein detaillierter Restrukturierungsplan stellt das Herzst\u00fcck der neuen ReO dar. Diesen muss der Schuldner bereits mit dem Antrag vorlegen, oder binnen einer vom Gericht zu bestimmenden Frist von h\u00f6chstens 60 Tagen. Auf Grundlage dieses Plans soll der Schuldner die Passivseite seiner Bilanz sanieren und dabei alle wesentlichen Ma\u00dfnahmen der Sanierung, aber zwingend folgende Inhalte darstellen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>wirtschaftliche Situation des Schuldners,<\/li>\n\n\n\n<li>betroffene Gl\u00e4ubiger und Gl\u00e4ubigerklassen, deren Forderungen gek\u00fcrzt oder gestundet werden sollen,<\/li>\n\n\n\n<li>nicht betroffene Gl\u00e4ubiger,<\/li>\n\n\n\n<li>Restrukturierungsma\u00dfnahmen und<\/li>\n\n\n\n<li>eine (bedingte) Fortbestehensprognose.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Letztgenannte Fortbestehensprognose soll die Bestandsf\u00e4higkeit des Schuldners \u00fcberpr\u00fcfen und die Beseitigung einer \u00dcberschuldung und die Verhinderung der Zahlungsunf\u00e4higkeit des Schuldners plausibel darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die genannten Restrukturierungsma\u00dfnahmen betrifft, so kann es sich um Folgendes handeln:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Schuldenschnitte zur Beseitigung der \u00dcberschuldung,<\/li>\n\n\n\n<li>Stundungen von Verbindlichkeiten, um die Liquidit\u00e4t vor\u00fcbergehend zu entlasten,<\/li>\n\n\n\n<li>Aufnahme von Sanierungsfinanzierungen,<\/li>\n\n\n\n<li>Verkauf von Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nden, um dem Unternehmen von au\u00dfen frische Mittel zur Verf\u00fcgung zu stellen und eine m\u00f6gliche Zahlungsunf\u00e4higkeit zu \u00fcberbr\u00fccken (beispielsweise Verkauf von Non-Core Assets, gesunden Gesch\u00e4ftseinheiten oder Gesamtver\u00e4u\u00dferung des Unternehmens).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>In der Sanierungspraxis wird die Fortbestehensprognose f\u00fcr gew\u00f6hnlich im Rahmen einer integrierten Planungsrechnung durch den Schuldner selbst erstellt, vielfach unter Einbeziehung eines fachkundigen Turnaround Managers. Dabei sollen die Verlustursachen sorgf\u00e4ltig analysiert und die Auswirkungen der avisierten Restrukturierungsma\u00dfnahmen in Rahmen einer Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rprognose quantifiziert und erl\u00e4utert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der umfangreiche Bericht \u00fcber die Fortbestehensprognose wird in der Regel alle wesentlichen inhaltlichen Anforderungen des Restrukturierungsplans im Sinne der ReO beinhalten und daher die ma\u00dfgebliche Grundlage f\u00fcr die Entscheidungsfindung der Gl\u00e4ubiger darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fortbestehensprognose ist dann positiv, wenn die Zahlungs- und \u00dcberlebensf\u00e4higkeit des Schuldners als \u00fcberwiegend wahrscheinlich gilt (Wahrscheinlichkeit gr\u00f6\u00dfer<em> 51&nbsp;%<\/em>). Von einer bedingt positiven Fortbestehensprognose spricht man dann, wenn die Beurteilung dieser Fortbestehensprognose von der Annahme und Best\u00e4tigung des Restrukturierungsplans abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>Festzuhalten ist, dass das Verfahren allein schon aufgrund der inhaltlichen Anforderungen sowie der Formerfordernisse der Fortbestehensprognose einer umfassenden Vorbereitung bedarf. Die Attraktivit\u00e4t eines Verfahrens nach der neuen Restrukturierungsordnung k\u00f6nnte daher mit der Unternehmensgr\u00f6\u00dfe und dem Professionalisierungsgrad des Schuldners steigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die H\u00f6chstfrist von 60 Tagen zur Vorlage eines detaillierten Restrukturierungsplans als sehr kurzfristig bemessen erscheint, ist insbesondere bei komplexen Restrukturierungen die fr\u00fchzeitige Einbeziehung eines fachkundigen Turnaround Managers jedenfalls zu empfehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Informationen zum Thema Fortbestehensprognose entnehmen Sie gerne auch unserem&nbsp;<a href=\"http:\/\/archive.mf.ag\/index.php?id=131\">\u201eNewsletter 01\/2021 &#8211; Fortf\u00fchrungsprognose und Fortbestehensprognose\u201c<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">V. Klassenbildung und Abstimmung \u00fcber den Restrukturierungsplan<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Restrukturierungsverfahren ist kein kollektives, sondern ein selektives Verfahren. Das hei\u00dft, der Schuldner kann nach eigenem Ermessen die Verfahrensinstrumente auf einzelne Gl\u00e4ubiger beschr\u00e4nken. (Forderungen von Arbeitnehmern sind dabei ausdr\u00fccklich ausgenommen.) Dieses selektive Verfahren stellt in \u00d6sterreich einen echten Paradigmenwechsel dar, weg von einem Gesamtverfahren im Sinne der Insolvenzordnung.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Abstimmung \u00fcber den Restrukturierungsplan sind die einzelnen Gl\u00e4ubiger des Schuldners in Gl\u00e4ubigerklassen einzuteilen. Diese Einteilung in Gl\u00e4ubigerklassen ist allein schon deshalb erw\u00e4hnenswert, weil diese in \u00d6sterreich durch die Insolvenznovelle 1983 abgeschafft wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Restrukturierungsordnung sieht folgende Klassen vor:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>besicherte Gl\u00e4ubiger,<\/li>\n\n\n\n<li>unbesicherte Gl\u00e4ubiger,<\/li>\n\n\n\n<li>Anleihegl\u00e4ubiger (alle Formen von schuldrechtlichen Papieren, die obligatorische Rechte verbriefen),<\/li>\n\n\n\n<li>besonders schutzbed\u00fcrftige Gl\u00e4ubiger (mit Forderungen unter EUR 10.000), und<\/li>\n\n\n\n<li>nachrangige Gl\u00e4ubiger (z.B. Gesellschafterdarlehen).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ist der Schuldner ein KMU, sieht der Gesetzgeber im \u00dcbrigen von einer Klassenbildung ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind die Klassen gebildet und der Restrukturierungsplan bzw. der Bericht \u00fcber die Fortbestehensprognose hinreichend vorbereitet, findet eine Abstimmung \u00fcber den Restrukturierungsplan im Rahmen einer Plantagsatzung statt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">VI. Annahme und Best\u00e4tigung des Restrukturierungsplans<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Plan gilt wie schon erw\u00e4hnt als angenommen, wenn eine Summenmehrheit von 75% und eine einfache Kopfmehrheit in jeder Gl\u00e4ubigerklasse dem Restrukturierungsplan zustimmt. Der Restrukturierungsplan kann die vorgesehenen Restrukturierungsma\u00dfnahmen also auch gegen den Willen einer Minderheit durchsetzen, was die entscheidende Neuerung im Rahmen einer au\u00dfergerichtlichen Restrukturierung darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Fall, dass die erforderlichen Mehrheiten nicht in jeder Klasse erreicht werden, erm\u00f6glicht ein sogenannter \u201eklassen\u00fcbergreifender Cram-down\u201c dennoch eine gerichtliche Best\u00e4tigung des Restrukturierungsplans. Daf\u00fcr ist zumindest eine Zustimmung der Mehrheit der Klassen inklusive der besicherten Gl\u00e4ubiger n\u00f6tig, oder eine Mehrheit aller \u201eim Geld\u201c befindlichen Klassen. \u201eIm Geld\u201c sind jene Klassen, die auch bei einer Fortf\u00fchrung im Insolvenzverfahren eine Verteilungsquote erhalten w\u00fcrden. Der Minderheitenschutz soll dabei im Wege der relativen Vorrangregel (\u201erelative priority rule\u201c) sichergestellt werden. Das hei\u00dft, dass ablehnende beziehungsweise \u00fcberstimmte Gl\u00e4ubigerklassen gleichgestellt werden wie gleichrangige Klassen und bessergestellt werden als nachrangige Klassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese weitreichenden Eingriffsm\u00f6glichkeiten in die Rechte dissentierender Gl\u00e4ubiger k\u00f6nnten h\u00e4ufig ausreichen, um dem St\u00f6rpotenzial von Akkordst\u00f6rern entgegenzuwirken, und zwar auch au\u00dferhalb eines Restrukturierungsverfahrens beziehungsweise im Rahmen einer rein konsensualen au\u00dfergerichtlichen Sanierung. Das neue Verfahrensinstrument wird f\u00fcr die Schuldner also h\u00e4ufig eine Fall-Back-Variante darstellen, f\u00fcr den Fall, dass eine au\u00dfergerichtliche Einigung aufgrund von Akkordst\u00f6rern nicht erwirkt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der von den Gl\u00e4ubigerklassen angenommene Restrukturierungsplan bedarf der gerichtlichen Best\u00e4tigung, um seine Wirkung gegen\u00fcber den betroffenen Gl\u00e4ubigern zu entfalten. Diese Best\u00e4tigung setzt die Gleichbehandlung aller Gl\u00e4ubiger innerhalb einer Klasse voraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird der Restrukturierungsplan best\u00e4tigt, so werden Sanierungsfinanzierungen sowie sonstige mit der Restrukturierung und dem Fortbetrieb in engem Zusammenhang stehende Transaktionen anfechtungsrechtlich privilegiert. Dies betrifft zum Beispiel Kosten f\u00fcr fachkundige Beratung, L\u00f6hne und Geh\u00e4lter und sonstige Auszahlungen im gew\u00f6hnlichen Gesch\u00e4ftsbetrieb. Dabei sind Sanierungsfinanzierungen, die in einem vom Gericht best\u00e4tigten Restrukturierungsplan enthalten sind, nicht gem\u00e4\u00df \u00a7 31 IO wegen \u00dcberschuldung anfechtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Dringend erforderliche \u00dcberbr\u00fcckungsfinanzierungen, um die Liquidit\u00e4t und somit den operativen Betrieb des Schuldners w\u00e4hrend der Verhandlungen zu sichern und die Umsetzung des Restrukturierungsplans nach dessen Best\u00e4tigung zu unterst\u00fctzen, m\u00fcssen vom Gericht im \u00dcbrigen bereits w\u00e4hrend des Verfahrens genehmigt werden, um anfechtungsrechtlichen Schutz zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anfechtung vor dem Hintergrund der Zahlungsunf\u00e4higkeit des Schuldners bleibt im Rahmen der ReO trotz gerichtlicher Best\u00e4tigung weiterhin m\u00f6glich, womit f\u00fcr den Kreditgeber ein Anfechtungsrisiko entsteht. Das Risiko einer Anfechtung wegen Kenntnis der Zahlungsunf\u00e4higkeit stellt sich in der Praxis aber wohl nur bei einem offensichtlich untauglichen Restrukturierungsplan.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00dcbrigens: In unserem n\u00e4chsten Newsletter widmen wir uns ausf\u00fchrlich dem vereinfachten Verfahren f\u00fcr Finanzgl\u00e4ubiger sowie den Kritikpunkten an der Restrukturierungsordnung. Au\u00dferdem stellen wir die Vorteile der unterschiedlichen Verfahrensinstrumente in \u00d6sterreich zusammenfassend als Tabelle dar. Sollten Sie in der Zwischenzeit Unterst\u00fctzung bei der Erstellung eines Restrukturierungsplans ben\u00f6tigen, dann freuen wir uns, wenn Sie mit uns in <a href=\"https:\/\/mf.ag\/de\/kontakt\/\">Kontakt treten.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit 17. Juli 2021 ist die neue Restrukturierungsordnung neben die bestehende Insolvenzordnung (IO) getreten. 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