{"id":51079,"date":"2017-05-18T15:38:00","date_gmt":"2017-05-18T13:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mf.ag\/?p=51079"},"modified":"2024-04-26T09:15:40","modified_gmt":"2024-04-26T07:15:40","slug":"das-ganze-leben-ist-ein-circus-interview-mit-dem-direktor-des-circus-roncalli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mf.ag\/de\/artikel\/das-ganze-leben-ist-ein-circus-interview-mit-dem-direktor-des-circus-roncalli\/","title":{"rendered":"Das ganze Leben ist ein Circus. Interview mit dem Direktor des Circus Roncalli"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"http:\/\/archive.mf.ag\/index.php?id=76\"><\/a>Bernhard Paul gab der Management Factory ein Interview zu Krisen und Innovationen in der Zirkuswelt, welches <a href=\"https:\/\/mf.ag\/de\/christian-kniescheck\/\">Christian Kniescheck<\/a> f\u00fchrte (rechts im Bild, seit 2015 Beiratsvorsitzender der Roncalli-Unternehmensgruppe). Lesen Sie hier mehr \u00fcber Bernhard Pauls Empfehlungen an F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft, \u00fcber die Kunst der Risikominimierung, \u00fcber sein Lebensmotto und \u00fcber sein n\u00e4chstes gro\u00dfes Projekt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Lieber Bernhard! Seit Jahrzehnten reduziert sich die Anzahl der Zirkusse. Wer ist denn zuletzt in Konkurs gegangen?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: In Deutschland meldete 2016 der Circus Sarrasani Konkurs an und im gleichen Jahr in D\u00e4nemark der Cirkus Benneweis. Und am 21. Mai 2017 wird der \u00e4ltesten Zirkus der USA, Ringling Brothers and Barnum &amp; Bailey, seine letzte Vorstellung geben. Fast 150 Jahre ist dieses Unternehmen alt, fr\u00fcher hatten sie 22 Elefanten und spielten im Madisons Square Garden. Das war sehr beeindruckend. Ringling Brothers gehen nicht in Konkurs, aber sie sind seit langem in der Krise. Jetzt schlie\u00dft \u201eThe Greatest Show on Earth\u201c f\u00fcr immer.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Was ist der Grund, dass Zirkusse in existenzbedrohende Krisen geraten?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul:<strong>&nbsp;Fehlende Innovationen, Inzucht und irregeleitete Tiersch\u00fctzer.<\/strong>&nbsp;Der Circus, wie wir ihn kennen, ist ca. 300 Jahre alt. Gaukler, Jongleure und Akrobaten gab es schon immer, aber der Circus mit Manege, Zelt und Wagen ist j\u00fcngeren Datums. Ungef\u00e4hr alle 50 Jahre hat er sich erneuert, meist durch Erfindungen: Dampfmaschine, elektrisches Licht, Autos, Computer. Wer hier nicht aktiv mitentwickelt, kommt unter die R\u00e4der. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Roncalli ist innovativ?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Wer, wenn nicht wir. Als erster Circus sind wir vor 40 Jahren ohne Tiershow losgezogen.&nbsp; Heute haben wir einen Beatboxer im Programm, und wir entdecken und entwickeln laufend neue K\u00fcnstler. Roncalli hat auch vor \u00fcber 25 Jahren die Dinnershow erfunden. Damals haben wir ein historisches Spiegelzelt gekauft und darin eine Show namens \u201ePanem et Circenses\u201c mit einem vierg\u00e4ngigen Gourmet-Men\u00fc produziert. Heute macht das jeder. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Als zweiten Grund f\u00fcr das Zirkussterben hast Du \u201eInzucht\u201c genannt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Der Circus ist immer ein bisschen Inzucht: der Vater hat\u2018s so gemacht, das muss man so machen. Und der Gro\u00dfvater hat\u2018s auch so gemacht, es war immer schon so und es muss immer so bleiben.&nbsp;<strong>Ausreden auf die Tradition sind h\u00e4ufig.<\/strong>&nbsp;Der Circus muss sich aber immer erneuern, dabei aber trotzdem ein Circus bleiben, das ist ein Spagat \u2026 auf dem Hochseil. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt dann auch so etwas wie einen Zeitgeist. Dem sollte man ja nicht nachlaufen.&nbsp;<strong>Der Zeitgeist ist eine<\/strong>&nbsp;<strong>verderbliche Ware,<\/strong>&nbsp;<strong>die schnell schlecht wird.<\/strong>&nbsp;Wenn man auf den Zeitgeist aufgesprungen ist, dann ist es meist schon wieder peinlich. Man muss eine eigene Geschichte kreieren. Auch Restaurants sind unterschiedlich. Es gibt das kleine Beisel, das Bahnhofrestaurant und das Steirereck. &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Was f\u00fcr ein Restaurant ist Roncalli?&nbsp;<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul:&nbsp;<strong>Roncalli geht den Weg eines kleinen, feinen Feinkostladens der Artistik.<\/strong>&nbsp;Der ganze Circus ist ein B\u00fchnenbild, deswegen die historischen Wagen Holzz\u00e4une, pneumatische Zirkusorgeln und ein echtes Kaffeehaus. Wir wollen auch nur an Orten gastieren, wo der Circus eine Kulisse hat: In Wien am Rathausplatz, in Ludwigsburg vor dem Barockschloss, in Moskau am Roten Platz und in Berlin hoffentlich einmal vor Schloss Charlottenburg. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Richtung schl\u00e4gt der Cirque de Soleil ein. Die haben 22 Circusse gleichzeitig on tour. F\u00fcr mich sind das ein bisschen geklonte Clowns. Sie engagieren keinen echten Clowns, sondern kaufen eine Nummer und produzieren diese dann 20mal. Drinnen im Zelt wird viel Wert auf Effekte gelegt, drau\u00dfen stehen wei\u00dfe Container vor einem wei\u00dfen Zelt. Aber auch den Cirque de Soleil hat die Krise erwischt. Heute geh\u00f6ren <em>80&nbsp;%<\/em> einem chinesischen Mischkonzern und<em> 20&nbsp;%<\/em> einem Fonds aus Dubai. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der heutige Circus ist aus dem Pferdetheater entstanden, er sollte nach S\u00e4gemehl und nach Pferd riechen. Die Leute erwarten eine ganz bestimmte Atmosph\u00e4re mit Romantik und Poesie. Wie h\u00e4ngen Erwartung und Erfolg zusammen? Erfolg ist nicht das Erf\u00fcllen einer Erwartungshaltung, sondern das \u00dcbertreffen. Wenn ein Circus so ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe, sagen die Besucher nachher: \u201eJa eh, war eh sch\u00f6n und&nbsp;nett.\u201c<strong> Dabei ist \u201enett\u201c die kleine Schwester von \u201eSchei\u00dfe\u201c.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Als dritte Ursache des Zirkussterbens hast Du \u201eirregeleitete Tiersch\u00fctzer\u201c angef\u00fchrt?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Der moderne Circus hat den gleichen Ursprung wie die Spanische Hofreitschule. Die Kunstst\u00fccke der Pferde wie Levade und Piaffe sind im Kern kriegerische \u00dcbungen. Insofern ist der Circus seit seiner Gr\u00fcndung mit Tieren verbunden gewesen. Exotische Wildtiere wie Affen, B\u00e4ren und Tiger sind erst sp\u00e4ter dazugekommen und haben nach meinem Daf\u00fcrhalten in einem Circus nichts verloren. Diskutieren kann man aber \u00fcber Elefanten. Elefanten sind in Indien Haustiere und keine Wildtiere. Ein guter Mahut kann Elefanten ohne Gewalt dressieren. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Und warum schaffen die von Dir aufgez\u00e4hlten Zirkusse nicht den Wandel in eine neue Zeit? K\u00f6nnen sie nicht einfach die Tiere rausnehmen?&nbsp;<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Haben sie ja. Ringling Brothers hat die Elefanten rausgenommen, weil sie mehr Demonstranten vor dem Zelt als Publikum im Zelt hatten. Und jetzt kommt keiner mehr. Dasselbe haben wir in der Wiener Stadthalle mit ATA erlebt: Artisten, Tiere und Attraktionen war jahrelang ein Renner.&nbsp; Freddy Quinn ist in den 70er Jahren als Dompteur mit acht L\u00f6wen aufgetreten. Der Versuch eines langsamen Wandels ist dann gescheitert. Keine Raubtiere mehr, nur mehr Kamele, das Publikum hat sich halbiert.<strong>&nbsp;Es ist<\/strong>&nbsp;<strong>der \u00dcbergang, der so schwer ist, denn die Leute sind daran gew\u00f6hnt.<\/strong>&nbsp;Wir machen seit 40 Jahren Circus ohne Wildtiere. Unser Publikum wei\u00df und sch\u00e4tzt das. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Ihr werdet die Pferde behalten?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Nein. Wir werden den Circus n\u00e4chstes Jahr komplett ohne Tiere auf Tournee schicken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Was waren die gr\u00f6\u00dften Krisen in der nun bereits 41j\u00e4hrigen Geschichte von Roncalli?&nbsp;<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul:&nbsp;<strong>Die erste Krise war bedingt durch Andr\u00e9 Heller.<\/strong>&nbsp;Er wollte sich den Circus Roncalli unter den Nagel rei\u00dfen. Ich habe neun Prozesse gef\u00fchrt und neunmal gewonnen. So etwas \u00fcberlebt man nur, wenn man etwas wirklich mag, liebt, Mut hat und sagt: Das ist der Weg, den ich gehen will.&nbsp; Heller hat mir die Krankenkasse auf den Hals gehetzt. Mein Anwalt hat mich darauf aufmerksam gemacht, also habe ich den Circus im St. Marxer Schlachthof versteckt. Zum Gl\u00fcck hat es geschneit, so konnte man die Spuren nicht sehen. Das war 1976 oder 1977. Am n\u00e4chsten Tag war die Versteigerung. Da weder ich noch der Circus auffindbar waren, musste ein neuer Termin angesetzt werden. In der Zwischenzeit konnte ich das Geld auftreiben. Sonst w\u00fcrde es die ganzen Roncalli Unternehmen heute alle nicht geben. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Krise hatten wir vor ein paar Jahren in unserem Variet\u00e9 Theater in D\u00fcsseldorf. Die Besucherzahlen waren im Keller und die Kosten f\u00fcr die Gastronomie hoch. Ich habe dort dann ein St\u00e4dtekonzept f\u00fcr die Shows eingef\u00fchrt: Paris, Venedig, Amsterdam und Las Vegas. Das bringt nun gute Besucherzahlen, und es gibt einen roten Faden. Die Idee zur Reduktion der Gastronomiekosten ist mir in einem Flieger von Sri Lanka gekommen. Die arabische Fluglinie servierte ein ausgezeichnetes Men\u00fc. Wie schaffen die das \u00fcber den Wolken? Sie verwenden Konvektomaten. Die Speisen werden am Boden bis drei Minuten vor dem Garpunkt fertiggekocht, auf dem Teller angerichtet und eingeschwei\u00dft. Im Flieger wird das Men\u00fc finalisiert. Seit drei Jahren verwenden wir im Apollo nun auch Konvektomaten und kombinieren das mit frischen Zutaten. Und was sagen die Besucher? Das Essen ist besser als fr\u00fcher und das Service ist perfekt! Was lernen wir daraus?&nbsp;<strong>Das ganze Leben ist ein Circus! Wir holen unsere Ideen nicht von einem anderen Circus, sondern aus dem Leben.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Roncalli hat in den letzten 20 Jahren diversifiziert und besitzt nun mehrere Standbeine. Ist das ein Rezept gegen Krisenanf\u00e4lligkeit?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Definitiv. Wir haben derzeit vier Standbeine: Der Circus, nach wie vor unser Hauptumsatzbringer, ist immer von M\u00e4rz bis Dezember auf Tournee, das Apollo Variet\u00e9 Theater in D\u00fcsseldorf spielt ganzj\u00e4hrig, der Hamburger Weihnachtsmarkt bringt Geld im letzten Quartal und wir haben eine eigene Eventabteilung, die heuer z.B. das Programm auf dem Kreuzfahrtschiff Europa 2 gestaltet.&nbsp;<strong>Wenn ein Bereich einmal nicht so gut l\u00e4uft, dann k\u00f6nnen das die anderen Standbeine auffangen<\/strong>. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Somit sind wir stabiler als in den 70er oder 80er Jahren. Ich hatte ja mit dem Circus angefangen, ohne einen Schilling zu besitzen.&nbsp;<strong>Heute ist es ein kleines Imperium mit sieben Unternehmen, \u20ac 20 Mio. Au\u00dfenumsatz und einer konsolidierten Eigenkapitalquote von<em> 50&nbsp;%<\/em>.<\/strong>&nbsp;Und wir wollen noch weitere Standbeine hinzuf\u00fcgen: In K\u00f6ln werden wir im Hof unseres Winterquartiers eine Eventhalle bauen und in Mallorca meine Villa f\u00fcr High-End-Events \u00f6ffnen. Was wir hingegen nicht wollen: Eine zweite Tournee. Es kann nur eine originale Roncalli-Tournee geben. Wir sind wie ein einmaliges, nicht multiplizierbares Spitzenrestaurant. Wenn ich zu Herrn Witzigmann essen gehe, und er ist nicht anwesend, dann schmeckt mir das Essen auch weniger gut. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Wenn sich ein Unternehmen nicht permanent selber neu erfindet, dann verliert es seine Existenzberechtigung. Wie werden Neuerungen und Innovationen bei euch entwickelt?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Ideen kommen zu verschiedensten Anl\u00e4ssen, die kann man nicht bestellen.<strong>&nbsp;Man muss eine gro\u00dfe Radarantenne sein, die Inspirationen auff\u00e4ngt und sofort umsetzt.<\/strong>&nbsp;Man kann nicht sagen: Setzen wir uns doch in einem Workshop zusammen und geb\u00e4ren wir eine kreative Idee f\u00fcr ein neues gutes Produkt. So wird es nicht funktionieren. Kreativit\u00e4t hat auch etwas mit Verr\u00fccktheit zu tun. Deshalb sage ich gerne:&nbsp;<strong>Wer nicht verr\u00fcckt ist, ist nicht normal.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Christian Kniescheck: Ihr plant nicht lange und ihr setzt schnell um? &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Es gibt einen alten Spruch der besagt:&nbsp;<strong>Unter hohem Druck entsteht aus Kohle Diamant<\/strong>. Wenn ich in Not bin, und schnell eine gute Idee ben\u00f6tige, dann kommen unter Druck super Ideen. So war es bis jetzt immer auf allen Gebieten: K\u00fcnstlerisch, kaufm\u00e4nnisch, logistisch und medial. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Du gehst Neuerungen an ohne sie im Detail ausgeplant oder finanziert zu haben?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: So etwas wei\u00df man. Man fragt ja auch nicht McCartney und Lennon, wie sie einen Song geschrieben haben. Es entsteht, es kommt, es w\u00e4chst.&nbsp;<strong>Innovationen im kreativen Bereich sind nicht logisch zu erkl\u00e4ren.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Was kannst Du anderen Unternehmern und uns von der Management Factory mitgeben bez\u00fcglich Ver\u00e4nderungsmanagement und Innovation?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Es gibt zwei Kategorien: k\u00fcnstlerische Dinge und kaufm\u00e4nnische Dinge. Kaufm\u00e4nnisch gibt es bestimmte Regeln, das kann man lernen. K\u00fcnstler kann man nicht lernen. Kaufm\u00e4nnisch kann man den Bedarf f\u00fcr ein Produkt feststellen.&nbsp;<strong>K\u00fcnstlerische Produkte<\/strong>&nbsp;sind hingegen nicht notwendig, die&nbsp;<strong>braucht kein<\/strong>&nbsp;<strong>Mensch zum Leben. Aber ohne k\u00fcnstlerische Produkte w\u00e4re das Leben nicht lebenswert.<\/strong>&nbsp;Was aber f\u00fcr beide Sparten, also k\u00fcnstlerisch und kaufm\u00e4nnisch, gilt: Du musst es lieben, Du musst daf\u00fcr brennen.<strong>&nbsp;Wer nicht brennt, kann nicht entz\u00fcnden.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Hast Du selber ein Lebensmotto?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Mehrere. Mein gebr\u00e4uchlichstes lautet: \u201eJeder Tag, an dem du nicht l\u00e4chelst, ist ein verlorener Tag\u201c. Im Sinne der Feinkost habe ich mir ein weiteres zugelegt: \u201eDas Leben ist zu kurz, um billigen Wein zu trinken.\u201c<strong>&nbsp;Bevor ich schlechten Wein trinke, trinke ich gar keinen.<\/strong>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Eines Deiner Lieblingszitate ist: Man muss das Geld mit vollen H\u00e4nden beim Fenster hinauswerfen, damit es bei der T\u00fcr wieder hereinkommt. Kann ich daraus schlie\u00dfen, dass Sparsamkeit eher nicht zu Roncalli passt?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul:&nbsp;<strong>Man muss an der richtigen Stelle sparen. Das Produkt muss gut sein und \u00fcppig.<\/strong>&nbsp;Wenn ich ein neues Programm mache, und ich spare bei den Kost\u00fcmen und beim Orchester, dann ist das nicht gut. Unsere Besucher d\u00fcrfen alle Emotionen haben, wenn sie einen Circus-Vorstellung sehen, nur eine Emotion ist verboten: Mitleid! Ein Trapezk\u00fcnstler mit zerrissener Stumpfhose, der sich keine Schminke mehr leisten kann, das geht nicht. \u201eShow\u201c kommt von \u201eSchauen\u201c. Alles, was ich sehe, muss gefallen und in Ordnung sein. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Ihr seid im deutschsprachigen Raum der erste Zirkus gewesen, der mit Sponsoren arbeitete. Wie gewinnt Ihr Sponsoren?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Das Produkt muss stimmen. Bei irgendeinem kleinen Armutschgerl-Circus, wo das Pony lahmt und der Dompteur Pullover mit Loch tr\u00e4gt, wird keiner werben. Wir haben ein positives Image. Aber Sponsoren m\u00fcssen auch zu uns passen. Ich hatte einmal ein gro\u00dfes Angebot von einer Fast Food Kette, viel Geld, aber ich hab\u2018s abgelehnt.<strong>&nbsp;Weil Fast Food und Roncalli ist wie die Gr\u00fcnen und ein Atomkraftwerk.<\/strong>&nbsp;Das passt nicht. Wir kooperieren hingegen mit einer Campingmarke, mit LMC. Wir leben das ganze Jahr in Wohnw\u00e4gen, also wissen wir aus eigener Erfahrung, was ein guter Camper ist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erster Sponsor war vor vielen Jahren \u00fcbrigens die Raiffeisenbank. Wir hatten in den letzten auch Lexus, Festina Lente, und Villeroy &amp; Boch. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Der Zirkus ist eine Kultureinrichtung mit jahrhundertelanger Tradition. Warum bekommen Zirkusse eigentlich keine Kulturf\u00f6rderung?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Joseph G\u00f6bbels hat pers\u00f6nlich gesagt; Circus ist nicht Kultur, Circus ist Afterkunst. Es gab viele Juden im Circus, so wie im Kabarett von Farkas bis Gr\u00fcnbaum.&nbsp;<strong>Wie das Kabarett hat sich der Circus nicht angepasst, weil wir Zigeuner sind und keine Arier.<\/strong>&nbsp;Daher wird der Circus in Deutschland und \u00d6sterreich nicht der Kultur zugerechnet. In Italien, Frankreich, Russland und China ist das anders, dort wird der Circus gef\u00f6rdert. Wir \u00fcberlegen derzeit, ob wir uns nicht in Circus-Theater Roncalli umbenennen wollen, um auch im deutschsprachigen Raum F\u00f6rderungen lukrieren zu k\u00f6nnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Bei Euch arbeiten im Zirkus, im Apollo und in den Werkst\u00e4tten \u00fcber 150 Leute. Hast du eine Ahnung, wie viele Nationen das sind?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Allein im Circus sind es 22 Nationen. Der Circus ist eine uralte Multikulti Einrichtung. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Tipps und Tricks f\u00fcr unsere Leser hinsichtlich der F\u00fchrung einer multikulturellen Workforce?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Es gibt nur eines, und das nennt man Vernunft! Wir leben auf engem Raum zusammen und wir haben uns an Regeln zu halten.&nbsp;<strong>Wenn wir 22 Nationen besch\u00e4ftigen, dann darf ich keine Unterschiede machen und auch kein Mitleid oder falsches Verst\u00e4ndnis zeigen.<\/strong>&nbsp;Wenn es hei\u00dft: \u201eDer Arme, der kann nicht gut Deutsch\u201c &#8211; dann lerne es! Oder: \u201eDer Arme, der greift den Frauen gerne auf den Hintern\u201c &#8211; dann mach es nicht! Rechte und Pflichten m\u00fcssen in Balance sein. Mit der Vernunft kommt man weit &#8211; solange sich nicht von au\u00dfen jemand einmischt und solange nicht Religion oder Politik ins Spiel kommen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Der Laie stellt sich einen Zirkus gerne als lauschige K\u00fcnstler-Community vor. Was bedeutet bei einem Zirkus, beim Theater und bei Events Professionalit\u00e4t?&nbsp;<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Alles muss zusammenspielen. Das logistische Personal, das k\u00fcnstlerische Personal, das Marketing und das kaufm\u00e4nnische Personal. All diese Gruppen sind prinzipiell anders zu behandeln \u2013 Artisten musst du anders behandeln als Manager. Aber eines m\u00fcssen alle gemeinsam haben: Sie sollen bzw. sie m\u00fcssen den Circus lieben.<strong>&nbsp;Unsere Arbeit ist kein Job, das ist eine Lebenseinstellung.<\/strong>&nbsp;Es gibt ein altes Circus Sprichwort: \u201eWer einmal S\u00e4gemehl an den Schuhen gehabt hat, der kommt nicht mehr davon los\u201c. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Gilt das auch f\u00fcr andere Unternehmen? Was kann ein Vorstand oder Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von einem Zirkusdirektor lernen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken. Wenn die Leute jemanden als Chef haben, der etwas kann, den sie achten und den sie m\u00f6gen, dann werden sie f\u00fcr ihn auch durchs Feuer gehen.&nbsp;<strong>Wenn das Produkt gut ist und die Mitarbeiter dahinterstehen, dann stehen sie auch hinter dem Direktor.<\/strong>&nbsp;Nichts ist schlimmer als Artisten, die sich totlachen \u00fcber einen Direktor, der keine Ahnung vom Gesch\u00e4ft hat. Mit F\u00fchrungskr\u00e4ften in der Wirtschaft ist das auch so: Viele f\u00fchlen sich berufen, aber nur wenige sind auserw\u00e4hlt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Haben Begriffe wie Deckungsbeitrag, Controlling und Projekterfolgsrechnung Einzug in den Sprachgebrauch von Roncalli gefunden?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Der Sprachgebrauch ist nicht so wichtig, die Tatsachen sind wichtig. Wir budgetieren, wir haben eine monatliche Erfolgsrechnung und wir wissen bei jedem Projekt, was am Ende des Tages dabei heraus kommt. Unsere Personalkosten belaufen sich heuer auf \u00fcber sieben Millionen Euro. Die Kosten muss man st\u00e4ndig unter Kontrolle haben. Zu Weihnachten haben wir parallel bis zu sechs gro\u00dfe Projekte. Das ist wie eine sechssp\u00e4nnige Kutsche, bei der man alle Z\u00fcgel in der Hand behalten muss. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Habt ihr eine Liquidit\u00e4tsplanung und ein Organigramm?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Nat\u00fcrlich, wir sind jetzt kein exotisches Lager. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Du hast vor ein paar Jahren in der Roncalli Unternehmensgruppe einen Beirat eingesetzt. Was bringt das?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Ich bin Circus-Direktor, Grafiker und Musiker. Ich habe Hoch- und Tiefbau studiert und war Art-Director beim Profil. Aber ich bin kein Kaufmann und kein Restrukturierer. Vor 20 Jahren hat mir der Steuerberater gesagt, gr\u00fcnde da eine Gesellschaft und dort noch eine andere und langsam aber sicher ist das ganze un\u00fcbersichtlich geworden.&nbsp;<strong>Mit dem Beirat haben wir das jetzt nachgebessert und die Gesellschaften neu aufgestellt.<\/strong>&nbsp;Man muss nicht nur das Programm immer wieder nachjustieren, sondern auch den kaufm\u00e4nnischen und steuertechnischen Teil. Deshalb bist Du im Beirat. Und Engelbert Greis ist im Beirat, weil er ein Leben lang Chefredakteur bei der K\u00f6lner Rundschau war und hier in K\u00f6ln alle Politiker kennt, die Zusammenh\u00e4nge, die Firmen und die Journalisten. Solche Fachleute wie Engelbert Greis und Dich muss man sich in einen Beirat holen. Meine Kinder sind auch im Beirat, weil sie werden einmal alles erben und m\u00fcssen nun sukzessive an die kaufm\u00e4nnischen Dinge herangef\u00fchrt werden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Du hast in der Unternehmensgruppe mit Sascha Freudrich und Dirk Renner zwei junge operative Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Worauf konzentrierst Du Dich aktuell?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Ich achte weiterhin darauf, dass sich die Qualit\u00e4t steigert und dass alles im Detail stimmt \u2013 ich liebe Details, ich bin ein Detailfetischist. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: In Mallorca hast Du Deine Villa nach Deiner Frau \u201cVilla Eliana\u201d genannt und sie \u00fcber viele Jahre detailverliebt entwickelt. Heuer wirst Du 70. Willst Du Dich einmal wie Bruno Kreisky nach Mallorca zur\u00fcckziehen?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Sicher nicht. Ich bin kein Zur\u00fcckzieher und will bis zum Ende aktiv bleiben. In den n\u00e4chsten Jahren wollen wir bei Roncalli den Eventbereich ausbauen und unsere Standbeine erweitern. Ich will mir auch noch einen Traum erf\u00fcllen: Ich besitze die gr\u00f6\u00dfte Circus-Sammlung der Welt, daneben eine Sammlung historischer L\u00e4den, eine Beatles-Sammlung und was wei\u00df denn ich. Mehrere Lagerhallen umfassen diese Sammlungen aktuell. Wenn wir in K\u00f6ln nun das Winterquartier mit einer Event-Halle umbauen, dann m\u00f6chte ich hier auch meine Sammlung einbringen: die alten L\u00e4den, eine gl\u00e4serne Jugendstilkuppel aus Br\u00fcssel, ein altes Kaffeehaus, einen Wiener W\u00fcrstelstand von der Wollzeile und die gusseisernen S\u00e4ulen einer Stadtbahnstation von Otto Wagner. Das wird kein totes Museum mit toten Gegenst\u00e4nden. Wir werden die Objekte wieder zum Leben erwecken. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Christian Kniescheck: Rechnet sich das?<\/em>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bernhard Paul: Es wird sich rechnen! Als ich vor 40 Jahren angefangen habe, Circus zu machen, haben alle gesagt: Circus funktioniert nicht. Und? Seit 40 Jahren haben wir Erfolg. Ich bin mein ganzes Leben mit folgendem Motto gut gefahren:<strong>&nbsp;Wenn man auf\u2018s Geld schaut, dann l\u00e4uft es weg.<\/strong>&nbsp;<strong>Und wenn man nicht hinsieht, dann kommt es von alleine.<\/strong>&nbsp; &nbsp;Man muss die Dinge lieben und mit Herzblut machen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernhard Paul gab der Management Factory ein Interview zu Krisen und Innovationen in der Zirkuswelt, welches Christian Kniescheck f\u00fchrte (rechts im Bild, seit 2015 Beiratsvorsitzender der Roncalli-Unternehmensgruppe). Lesen Sie hier mehr \u00fcber Bernhard Pauls Empfehlungen an F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft, \u00fcber die Kunst der Risikominimierung, \u00fcber sein Lebensmotto und \u00fcber sein n\u00e4chstes gro\u00dfes Projekt. 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Lesen Sie hier mehr \u00fcber Bernhard Pauls Empfehlungen an F\u00fchrungskr\u00e4fte der Wirtschaft, \u00fcber die Kunst der Risikominimierung, \u00fcber sein Lebensmotto und \u00fcber sein n\u00e4chstes gro\u00dfes Projekt. Christian Kniescheck: Lieber Bernhard! Seit Jahrzehnten reduziert sich die Anzahl der Zirkusse. Wer ist denn zuletzt in Konkurs gegangen?&nbsp;&nbsp; Bernhard Paul: In Deutschland meldete 2016 der Circus Sarrasani Konkurs an und im gleichen Jahr in D\u00e4nemark der Cirkus Benneweis. Und am 21. 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